Zum 9. November 2025

Jetzt sind wir mitten drin. Mitten in der Zeit der langen Nächte. Im Oktober hatten diese Nächte sanft begonnen. Inzwischen, nach dem Bruch der Zeitumstellung, fahren viele von uns morgens im Dunkeln zur Arbeit und kommen zum Sonnenuntergang zurück.

Was sind Gedenktage für mich?

Scheinbar passend zur sich ausbreitenden Dunkelheit bringt uns der November Gedenktage. Doch was habe ich mit Gedenktagen zu tun? Gedenken, ist das nicht etwas für offizielle Personen? Für Politiker?

Und was bedeutet dieses Wort – Gedenken? Eigentlich ist es ein fremdes, unbekanntes Wort. Oft ist es vergraben in den Tiefen des passiven Wortschatzes.

Für mich hatte es lange gedauert bis ich es von jemanden aus meiner direkten Umgebung hörte. Manchmal verbindet sich ein merkwürdiges Gefühl mit diesem Wort. Irgendetwas zwischen Feierstunde und herbstlicher Versammlung am Mahnmal. Nichts, was man aus dem Alltag kennt.

Also – Gedenken, was habe ich damit zu tun, wenn es so weit von meinem Leben entfernt ist?

Liest man nach kann man erfahren, dass Gedenken bedeutet, sich ehrend und anerkennend an eine Person, an ein Ereignis oder an Verstorbene zu erinnern. Dazu gehört, dass man diese Erinnerung zum Ausdruck bringt. Zum Beispiel in einer Gedenkfeier oder durch ein Denkmal.

Worum es geht

Es geht also nicht nur um Erinnerung. Es geht um mehr. Es geht um ein aktives Innehalten der Gedanken. Um Anteilnahme, Respekt. Um das öffentliche, gemeinschaftliche Erinnern, zum Beispiel an Opfer historischer Ereignisse.

Dieses Gedenken stellt sich nicht durch den Blick in den Kalender ein. Auch nicht durch den Anblick des Bundespräsidenten bei einer Gedenkfeier auf dem Fernsehschirm. Selbst nicht durch die Teilnahme am Mahnmal.

Gedenken ist mehr. Es ist ein Wachhalten der Erinnerungen und der damit verbundenen Gefühle. Das, was sich mit einer Person oder einem Ereignis verbindet.

Es ist ein Wachhalten von etwas, was als so wichtig, so bedeutsam empfunden wird, dass nachfolgende Generationen und Zeiten weiter daran Anteil behalten sollen. Dass nicht das Gras der Zeit darüber wachsen kann.

So sind Gedenktage von der Gemeinschaft beschlossene Tage, die Erinnerungen und Gefühle über die Generationen hinweg bewahren sollen. Weil es um etwas so Wichtiges geht.

Der 9. November – Gras drüber wachsen lassen?

Vor uns liegt nun der 9. November.

Ein Gedenktag, der mich vergeblich nach Worten suchen lässt. Der mir das Gefühl gibt, nur andeuten zu können, was zu sagen wäre.

Ein Gedenktag für die am 9. November 1938 in Deutschland beginnenden Pogrome und die unvorstellbaren Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung, auf Nachbarinnen und Nachbarn. In der folgenden Zeit darauf wurden im ganzen deutschen Reich jüdische Männer, Frauen und Kinder in Konzentrationslager verschleppt. Die gnadenlosen Verfolgungen, die in den Holocaust mündeten, begannen.

Hierüber kann und darf nicht das Gras des Vergessens wachsen. Es kann und darf auch nicht gesagt werden, es muss doch einmal ein Ende damit haben. Wir hätten doch nichts mehr damit zu tun.

Ist es so?

Was wir mit dem 9. November zu tun haben

Wir sind eingebunden in unsere Geschichte. Eingebunden in das, was die Generationen unserer Väter und Großväter getan haben. Durch das, was sie uns erzählt haben. Und durch das, was sie uns nicht erzählt haben. Und das, was andere Menschen, Nationen und Länder dazu zu sagen haben.

Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Dazu müssen wir uns verhalten.

Alles vergangene Geschichte?

Dazu kommt, dass wir immer wieder erfahren, dass über den 9. November 1938 noch lange kein Gras gewachsen ist. Auch heute müssen jüdische Nachbarinnen und Nachbarn Angst haben auf der Straße als Juden erkannt zu werden. An Hochschulen werden jüdische Studentinnen und Studenten angegriffen. Jüdische Sportvereine können nicht ohne Sorge trainieren. Gebäude und Einrichtungen müssen von der Polizei geschützt werden. Sie werden immer wieder gewalttätig attackiert.

Was habe ich damit zu tun? Außer, dass ich es unfassbar und schrecklich finde, dass es Menschen in Deutschland so geht? Außer, dass es vom wichtigsten Gebot Gottes her – ihn, den Nächsten und sich selbst zu lieben – gegen alles steht, was meinem Glauben heilig ist?

Es kommt mir nahe, weil ich um die Einbindung meiner Familie in die Welt des NS-Regimes weiß. Auch wenn es nicht an wesentlicher Stelle war, sie war dabei. Dadurch verbinden mich Familiengeschichte und Gedenken mit diesen Ereignissen.

Wie gesagt, Gedenken kann erinnern, Gefühle wecken. Es kann das Ereignis ein wenig gegenwärtig machen, uns gefühlsmäßig betroffen machen. Durch Gedenken kann eine Beziehung zu dem Ereignis entstehen. So führt es mich in ein unglaubliches Erschrecken vor dem, was damals am 9. November geschah. Und ein Erschrecken davor wie Viele weggesehen haben, froh nicht selbst betroffen zu sein.

Und gleichzeitig entsteht in mir ein Erschrecken, weil ich ahne, dass ich nicht sagen kann, ob ich in jeder Situation den Mut zum Widerstand aufbringen würde.

Zugleich kann Gedenken helfen, gerade durch das Wecken von Gefühlen, sich Entwicklungen zu widersetzen. Sich dafür zu stärken, indem man sich mit Gleichgesinnten verbindet. Einem solchen Geschehen vorbeugt. Sich gemeinsam politischen braunen, rechtsextremen und unmenschlichen Entwicklungen entgegenstellt.

Was ich persönlich mit Gedenken zu tun habe

Auf diese Weise habe ich mit Gedenken zu tun. Das habe ich, wenn ich wirklich gedenke, wenn ich mich mit der Vergangenheit auseinandersetze und gefühlsmäßige Verbindung damit zulasse.

Ich kann Dankbarkeit dafür entwickeln, dass ich in einem Land lebe, das mir im Weltvergleich Reichtum, Rechtssicherheit, Gesundheitsversorgung und Schutz bietet.

Und zugleich hilft mir Gedenken die Augen dafür offen zu halten, dass jüdische Nachbarinnen und Nachbarn, aber auch zahlreiche andere, ihr Leben in diesem Land ganz anders empfinden würden.

Mit Gedenken habe ich aus meinem Glauben heraus zu tun. Er sagt mir, dass ich nicht für den 9. November 1938 verantwortlich bin. Jedoch dafür, wie ich heute meinen Weg gehe. Das heißt auch, dass ich dafür verantwortlich bin, dass ich heute nicht wegsehe. Dass ich meinen Nächsten, der unter die rechten Räuber fällt, nicht liegen lasse.

Es ist heute noch viel Dunkelheit an diesem 9. November 2025. Und zugleich können wir Licht entdecken. Wir können Menschen sehen, die sich rechten und braunen Parolen entgegenstellen. Die auf die Worte ihrer Politiker achten. Menschen, die Entwicklungen in Gang setzen, die Böses zu Gutem umkehren. Wir können Demonstrationen und Proteste wahrnehmen. Es gibt Kulturinitiativen, Konzerte und Veranstaltungen, die positive Impulse und einen anderen Geist fördern. Es gibt ein praktisches Miteinander vieler Menschen. Gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Gelebte Nächstenliebe.

An vielen Stellen dieser Welt gibt es Spuren von Liebe, die die großen Strömungen von Hass und Gewalt relativieren.

Für unser Land können wir dankbar sein, dass es nach der NS-Diktatur Vergebung erfahren hat. Es kann wieder Teil der Weltgemeinschaft sein. Es kann wieder zu Israel in gegenseitigem Miteinander stehen. Wenn auch nach sachgerechtem Umgehen miteinander zu suchen ist. Und es gibt viele Menschen, die, auch ehrenamtlich, die Vergangenheit aufarbeiten und zu einer gemeinsamen Zukunft beitragen wollen.

Und es gibt wieder jüdische Menschen und Gemeinden in Deutschland.

Was denken Sie?

Geht Gedenken uns persönlich etwas an?

Wie steht es um den 9. November? Tritt das Pogrom von 1938 z.B. hinter der Grenzöffnung 1989 zurück?

Wie können wir uns mit unserer kleinen persönlichen zur „großen Geschichte“ verhalten?

Was meinen Sie?


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