Zehn Sekunden

Manchmal braucht man nur zehn Sekunden. Einmal tief durchatmen. Bevor die Tür aufgeht. Bevor das Gespräch beginnt. Bevor der Anpfiff ertönt. Zehn Sekunden, in denen sich entscheiden kann, mit welcher Haltung wir den nächsten Schritt gehen.

Nicht zehn Tage Urlaub in Holland, nicht eine Auszeit in den Bergen und auch nicht ein Achtsamkeitsseminar mit Yoga.

Zehn Sekunden reichen oft. Kurz stehen bleiben. Einmal tief Luft holen. Sich sammeln. Dann erst durch die Tür gehen, hinter der das schwierige Gespräch wartet.

Diese kleinen Unterbrechungen kennt vermutlich jeder. Interessanterweise nicht nur Menschen im Büro oder im Wartezimmer einer Arztpraxis. Auch Fußballprofis machen das.

Vor dem Anpfiff

Während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft fiel Beobachtern auf, wie häufig Spieler sich bekreuzigten, vor dem Anpfiff beteten oder nach einem Tor auf die Knie gingen. Darüber wurde erstaunlich ausführlich diskutiert. Manche fanden es rührend, andere übertrieben. Ich fragte mich eher, warum uns das überhaupt überrascht.

Eine Weltmeisterschaft ist schließlich kein gewöhnliches Fußballturnier. Für viele Spieler ist sie das größte Ereignis ihrer Karriere. Vielleicht gibt es nur diese eine Chance. Da steht nicht einfach ein Spiel auf dem Programm. Da entscheidet sich, woran man sich das ganze Leben erinnert und wie die weitere Karriere und der Lebensweg aussehen.

Mehr als nur elf gegen elf

Natürlich ist Fußball keine Religion.

Obwohl er sich manchmal große Mühe gibt, so auszusehen.

Es gibt heilige Orte. In Gelsenkirchen galt das Parkstadion für manche Fans lange als eine Art Wallfahrtsort. Ein Kollege bestand darauf, dass wir auf der Autobahn hupen mussten, als wir daran vorbeifuhren. Ich habe nie ganz verstanden, warum. Vermutlich versteht man manche Rituale gerade deshalb nicht, weil sie Rituale sind.

Es gibt Gesänge, feste Abläufe, Vereinsfarben und -kleidung, Pilgerreisen zu Auswärtsspielen und sogar Vereinsfriedhöfe für Fans. Wer einmal erlebt hat, wie Menschen nicht nur am Samstagmittag ihre Trikots tragen weiß: Das ist mehr als Freizeitgestaltung.

Warum bindet man sich so an einen Verein?

Wahrscheinlich, weil Menschen sich nach Zugehörigkeit sehnen. Viele gehen als Kinder mit ihren Eltern ins Stadion und bleiben dem Verein treu, obwohl dieser ihnen jahrzehntelang Anlass zum Verzweifeln gibt. Liebe funktioniert bekanntlich selten nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Im Fußball spiegelt sich erstaunlich viel von unserem Leben. Es gibt Siege und Niederlagen, Glück und Ungerechtigkeit, Solidarität und Verrat, Betrug wie Korruption. Aber auch schöne Spielzüge und völlig überflüssige Fouls. Manchmal entscheidet sich alles in der letzten Minute. Man nennt das dann ein Fußballwunder.

Vielleicht ist deshalb das kurze Innehalten vor einem Spiel oder nach einem Tor so verständlich. Nicht weil Gott den Ball ins Tor lenkt. Sondern weil der Mensch sich in entscheidenden Momenten vergewissern möchte, worauf er eigentlich vertraut.

Die Sache mit den Göttern

Martin Luther formulierte das einmal sehr nüchtern: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Das, wovon du dir Sinn und Erfüllung, Orientierung und Halt versprichst.

Der Satz ist älter als die Bundesliga, erklärt aber erstaunlich viel.

Für den einen ist Erfolg der eigentliche Gott. Für den anderen Geld, Anerkennung oder Karriere. Manche setzen auf den vermeintlichen Glanz ihrer Persönlichkeit. Andere auf Pflicht und Disziplin, wieder andere auf ihr Talent. Und manche wenden sich tatsächlich an den Gott der Bibel.

Jeder Mensch trägt etwas mit sich herum, von dem er hofft, dass es ihn trägt.

Die Frage ist nur, ob es das auch tut.

Erfolg verlangt immer den nächsten Erfolg. Ruhm ist ein ziemlich unzuverlässiger Begleiter. Geld beruhigt vieles, aber nicht alles. Wer sein Leben ausschließlich darauf baut, merkt oft erst im entscheidenden Moment, wie wackelig das Fundament geworden ist.

Wessen kann man sich also vergewissern, wenn man innehält? Woran das Herz hängen? Was trägt dann?

Was wirklich trägt

Die Antwort unseres Glaubens fällt überraschend anders aus.

Sie beginnt nicht mit Leistung, sondern mit Zusage.

Jesus ruft am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist einer der ehrlichsten Sätze der Bibel. Und doch endet die Geschichte nicht mit Verlassenheit, sondern mit Hoffnung. Mit der Zusage, dass Gottes Liebe auch dort trägt, wo Menschen an ihre Grenzen kommen. Dass sie auch durch den Tod hindurchträgt.

Das bedeutet nicht, dass man jedes Spiel gewinnt, jedes schwierige Gespräch perfekt führt oder jede Herausforderung besteht. Es bedeutet etwas viel Schlichteres: Man muss nicht alles allein tragen.

Vielleicht liegt genau darin der Sinn des Innehaltens, eines kurzen Gebets vor dem Anpfiff oder vor einer Tür, hinter der eine Herausforderung wartet. Es verändert nicht unbedingt die Situation. Aber vielleicht den Menschen, der in sie hineingeht. Er hat sich bewusst gemacht, welcher Gott an seiner Seite ist.

Jesus empfiehlt übrigens keine große Bühne dafür. Im Gegenteil: „Wenn du betest, geh in dein Zimmer und schließ die Tür.“ Glaube ist keine Demonstration. Er ist Beziehung.

Bevor die Tür aufgeht

Und deshalb genügen manchmal diese zehn Sekunden.

Einmal tief durchatmen. Kurz innehalten. Sich erinnern, worauf man steht. Und dann weitergehen.

Denn manches wird dadurch nicht leichter.

Aber der Boden unter den Füßen fühlt sich plötzlich erstaunlich fest an.

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Wenn Du möchtest, schreibe doch einmal in den Kommentar:

  • Wann hast Du zuletzt vor einer wichtigen Situation ganz bewusst innegehalten?
  • Was gibt Dir in schwierigen Momenten Halt?
  • Gibt es ein kleines Ritual, das Dir hilft, zur Ruhe zu kommen?
  • Woran hängst Du Dein Herz – und trägt es Dich wirklich?
  • Wenn das Leben ein Fußballspiel wäre – in welcher Minute befindest Du Dich gerade?

Und bevor Du den Laptop zuklappst: Wäre jetzt vielleicht ein guter Moment für zehn Sekunden Innehalten?


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