Urteilen? Über uns? Und dann noch Ostern!
Ich habe mich ja immer ein wenig schwergetan mit dem Urteilen über andere. Schon in der Schule. Es gab damals Mitschüler, die sehr genau wussten, wer cool ist und wer nicht. Ich gehörte zu denen, die dachten: Na ja, so einfach ist das nicht. Skepsis als Grundhaltung, wenn man so will. Eine nicht ganz schlechte Eigenschaft, finde ich.
Nun ist es allerdings so, dass das Leben diese Skepsis nicht immer durchgehen lässt. Man muss Stellung beziehen. Ständig sogar. Zu Menschen, zu Ereignissen, zur Weltlage, die selten Anlass zu ungetrübter Heiterkeit bietet. Und wenn man einmal in einem Gerichtssaal gesessen hat, sei es als Zuschauer oder als Beteiligter, dann wird ziemlich schnell klar: Ohne Urteile und Gesetze funktioniert das Zusammenleben nicht. Irgendwer muss irgendwann sagen: So geht es, und nicht anders.
Blick in den Spiegel – wie sehe ich mich?
Interessant wird es allerdings, wenn man den Spieß umdreht und sich selbst betrachtet. Spiegel sind in dieser Hinsicht bekanntlich unerquicklich. Fällt das Urteilen dann leichter? Eher nicht. Man wird milder, aus guten Gründen. Und zugleich stellt sich die unangenehme Frage: Wie sehen eigentlich die anderen mich? Wie wird mein Weg beurteilt? Nach welchen Maßstäben? Eher nach dem Strafgesetzbuch? Oder in einer Art wohlwollender Gesamtschau, die berücksichtigt, dass das Leben kompliziert ist und Menschen selten eindeutig?
Passion und Ostern – die Grundlage nach der wir beurteilt werden
Diese Fragen stellen sich gerade jetzt in der Passions- und Osterzeit. Selbst Menschen, die mit Kirche sonst wenig am Hut haben, kommen um das Thema nicht ganz herum. In Gottesdiensten und Andachten geht es um das Leiden und Sterben Jesu, und an Ostern dann um die Auferstehung. Das ist, wenn man so will, der Kern des Glaubens. Und damit geht es um unser Leben, Sterben und Leben nach dem Tod. Und die Frage, wie am Ende über uns und unser Leben geurteilt wird.
Unser Glaube sagt, durch Tod und Auferstehung Jesu wird die Trennung zwischen Gott und Mensch aufgehoben. Jeder hat Zugang zu Gott, direkt. Eine schöne Vorstellung, eigentlich. Nichts und niemand steht mehr dazwischen.
Wie soll man das verstehen?
Sobald man allerdings versucht, das genauer zu durchdenken, wird es unerquicklich komplex. War der Tod Jesu nun ein Sühnetod? Hat Jesus stellvertretend die Strafe auf sich genommen, die eigentlich uns zugedacht war? Eine Art theologischer Schadensausgleich, bei dem am Ende die Bilanz wieder stimmt? Man könnte sagen: ein ziemlich juristisches Modell. Schuld, Strafe, Ausgleich – alles säuberlich geregelt.
Oder ist es ganz anders? Ist es eher so, dass Gottes Liebe dafür sorgt, dass durch Tod und Auferstehung Jesu die Mächte des Bösen entmachtet werden? Dass Sünde, Tod und Teufel – Begriffe, die recht alt sind, aber durchaus ihren Kern haben – ihre letzte Macht verlieren? Dass am Ende nur noch zählt, ob man vertraut. Glaubt. Sich auf diese Beziehung mit Gott einlässt.
Der Eindruck ist anders
Das Problem ist nur: Wenn man sich die Welt heute anschaut, wirkt diese Entmachtung des Bösen nicht gerade flächendeckend umgesetzt. Im Gegenteil.
Wir erleben Tag für Tag die Kräfte des Bösen. Um uns herum, in unserer kleinen Welt. Und, vermittelt durch die Medien, die unvorstellbare Grausamkeit der Menschen untereinander. Z.B. in der Ukraine oder im Iran. Unvorstellbar die Menschenverachtung der Verantwortlichen wie in Moskau oder Washington.
Daneben die vielen anderen Kriege und Katastrophen, die für unsere Wahrnehmung dadurch in den Schatten gestellt werden.
Was soll das mit Gott zu tun haben?
Da liegt sie dann, die klassische Frage: Wie kann ein Gott, der Liebe ist, das zulassen?
Die theologisch korrekte, und, wenn überhaupt, einzige tröstliche Antwort lautet: Er lässt es nicht zu. Er hält es aus. Er trägt es mit. Das ist weniger spektakulär, als man es sich wünschen würde, aber vielleicht realistischer.
Liebe, die durch alles mit hindurch nimmt
Im Leiden und Sterben Jesu zeigt sich, wie radikal die Trennung zwischen Gott und Mensch ist. Und zugleich etwas anderes: dass Gott sich genau in dieses Leiden hineinbegibt. Nicht als distanzierter Beobachter, sondern als Beteiligter. Gefoltert, ausgestoßen, hingerichtet – das ist keine symbolische Veranstaltung, sondern ziemlich konkret. Aus Liebe zu den Menschen begibt sich Gott hier hinein und nimmt dabei das Leid und die Qual eines jeden mit sich.
Und dann kommt die Auferstehung. Die behauptet, wenn man sie ernst nimmt: Das war nicht das Ende. Das Böse hat nicht das letzte Wort. Es wirkt zwar oft so, aber es stimmt nicht. Am Ende ist es besiegt. Mit der Auferstehung zeigt uns Gott: Das Böse ist überwunden und getilgt. Und durch unser Vertrauen auf Gott, unseren Glauben an ihn, gilt dies auch für uns.
Was ändert das?
Das klingt groß, und vielleicht auch ein bisschen zu groß für unseren Alltag zwischen Supermarkt und Fensterputzen. Doch es hat Konsequenzen. Wenn wir darauf vertrauen, verändert sich unser Blick. Nicht so, dass wir das Weltgeschehen und die Grausamkeiten plötzlich übersehen oder ignorieren. Im Gegenteil, wir sehen sie sehr klar. Aber wir können auch Risse im System des Bösen sehen.
Diese kleinen, unspektakulären Gegenbewegungen: Menschen, die füreinander da sind. Die helfen, zuhören, trösten. Entwicklungen, die sich – wider Erwarten – zum Guten wenden. Keine Sensationen, eher leise Hinweise darauf, dass die Welt nicht vollständig verloren ist. Dass die Liebe nicht aus ihr ausgewandert ist.
Und am Ende?
Und vielleicht verändert das auch die Vorstellung vom eigenen Ende. Dass dort nicht jemand mit einer Checkliste sitzt und abhakt, was gut war und was nicht. Sondern jemand, der einen kennt. Der fragt, wie es war. Der einen aufnimmt, nicht aufgrund einer Bilanz, sondern aus Zuneigung. Kein Richter, der fragt welche Regeln befolgt wurden und welche nicht. Sondern der, von dem erzählt wurde, dass er der Vater des verlorenen Sohnes ist. Der fragt, wie wir unseren Weg gegangen sind. Und schon weiß, warum das so war.
Und vielleicht ist genau das das Licht, das von Ostern ausgeht: kein greller Scheinwerfer, der alles gnadenlos ausleuchtet. Sondern ein ruhiges, beharrliches Licht, das den eigenen Weg begleitet. Nicht perfekt, aber erkennbar.
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