Haltung annehmen

Neulich war zu lesen, dass Ehrenamtliche die Tafel in Bremerhaven retten. Unbezahlt, in ihrer Freizeit, versorgen sie inzwischen mehr als 1.500 Haushalte mit Lebensmitteln. Man könnte das für selbstverständlich halten, wenn man nicht wüsste, dass es das nicht ist: Menschen tun etwas, obwohl sie nichts davon haben. Keine Bezahlung, kein Titel, nicht einmal verlässliche Dankbarkeit. Das irritiert inzwischen fast. Man fragt sich kurz, ob da ein Fehler im System vorliegt.

Solche Meldungen stehen wie kleine Leuchtfeuer zwischen den üblichen Nachrichten. Sie zeigen, dass das Gute existiert, auch wenn es keine Pressekonferenzen gibt und niemand ein Banner hochhält. In Berlin etwa wurde eine Kabelbrücke angezündet. Extremisten. Steglitz-Zehlendorf war über Tage ohne Strom. Was dann geschah, entsprach nicht ganz dem gängigen Menschenbild: Nachbarn halfen einander, Kirchengemeinden öffneten ihre Türen, Institutionen sprangen ein. Niemand fragte zuerst nach Zuständigkeiten, Fördermitteln oder Haftungsfragen. Man half einfach. Manchem erscheint so etwas inzwischen unzeitgemäß, fast verdächtig.

Oder die Fidschi-Inseln. Ein Zyklon zerstört ein ganzes Dorf, der Meeresspiegel steigt, der Klimawandel zeigt erneut, dass er keine Gesprächsbereitschaft hat. Mit Spenden, auch aus unserer Gegend, können die Menschen nun höher gelegene, sturmsichere Häuser bauen. Brot für die Welt finanziert das, ein Fachingenieur hilft, ein Vorarbeiter koordiniert. Kein Wunder, kein Zeichen vom Himmel. Einfach praktische Nächstenliebe. Auch das kommt vor. Man liest es nur seltener.

Dabei zeigen die Nachrichten uns eigentlich ein anderes Menschenbild. Schon die Römer wussten: homo homini lupus. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Die Bibel setzt noch einen drauf und erzählt gleich am Anfang, dass die Menschheitsgeschichte mit einem Brudermord beginnt. Danach sind wir alle Kinder Kains. Das passt. Und erklärt vieles, auch heutige Talkshows.

Unsere täglichen Nachrichten legen keine andere Sichtweise nahe. Präsidenten treten wie Kriegsherren auf Beutezug auf. Schwächere Länder und Menschen geraten unter die Räder. Es wird gedroht, erpresst, höhnisch herabgeblickt. Wenn es passt, zieht man zu Weihnachten kurz ein christliches Mäntelchen über. Oder setzt bei anderer Gelegenheit die Maske des Mafia-Chefs auf. Und überlegt laut, wie man Bündnispartnern ein Stück Land abnehmen könnte, das sowieso eigentlich einem gehören müsste. Rollenflexibilität gilt inzwischen als politische Grundübung.

Wie uns berichtet wird, stellen sich nur wenige Politiker dem offen entgegen. Man protestiert ein wenig, versucht zu schmeicheln, kommt entgegen, macht Geschenke, verhandelt. Sich zusammenzuschließen, um gemeinsam stark zu sein, fällt schwer. Eine Vision für eine gemeinsame Zukunft und gemeinsame Position in der Welt wäre hilfreich, scheint derzeit jedoch weltfremd zu wirken. Visionen haben es momentan nicht leicht, vor allem dann nicht, wenn sie mehr verlangen als ein Wahlplakat.

Vermutlich fühlen sich deshalb manche ermutigt, das alles im eigenen Umfeld nachzumachen. Im kleinen Maßstab, versteht sich. Kleine Trumps oder Putins tauchen auf, wo früher Vereinsvorsitzende oder Abteilungsleiter waren. Psychologen dürften derzeit ausgezeichnete Bedingungen vorfinden, um Studien über Narzissmus auf allen Ebenen zu verfassen. Das Feld ist weit, die Probanden zahlreich.

Umso wohltuender sind diese anderen Geschichten. Von Menschen, die sich nicht am eigenen Vorteil orientieren, nicht an Geld, Macht, Einfluss oder Ansehen. Sondern am anderen. Denen es tatsächlich um Menschen geht. Die hinschauen, fragen, was gebraucht wird, und dann handeln. Ohne Leitbildfolie. Ohne Strategiepapier. Ohne Zeitungsberichte. Ohne Applaus. Oft sogar ohne besonders gute Laune.

Bleibt die Frage, wie ihnen das möglich wird. Ob es Regeln gibt, an denen man sich orientieren könnte. Ein Verhaltenskatalog vielleicht, übersichtlich, nummeriert, idealerweise mit Kontrollkästchen.

Die Sache mit den Regeln ist allerdings heikel. Sie passen schlecht zu unserer Werkseinstellung. Menschen sind häufig chaotisch, gelegentlich widersprüchlich und nur selten gut funktionierende Automaten. Regeln machen korrekt, aber nicht lebendig. Entscheidend ist etwas anderes: eine Haltung. Eine innere Ausrichtung, aus der heraus man lebt, plant, mit anderen umgeht und auf das reagiert, was einem begegnet.

Die Bibel schlägt dafür bekanntlich drei Dinge vor. Keine Garantie, kein Patentrezept, eher eine Zumutung:
Glaube, Hoffnung und Liebe.

Das ist wenig effizient, schwer messbar und lässt sich schlecht evaluieren.
Aber es funktioniert erstaunlich oft.
Vielleicht nicht als Lösung für alles.
Aber als Anfang.


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