Jetzt, zum achthundertsten Todestag von Franz von Assisi, konnte man seine Gebeine sehen. Tausende Menschen kamen, um sie zu betrachten. Bis heute übt er eine große Faszination aus. Besonders beeindruckt viele Menschen seine radikale Nachfolge Jesu: seine Liebe zu Armen und Kranken, sein Leben in Armut und sein Einsatz für den Frieden. Man erzählt, dass er sogar Tieren gepredigt habe. In seiner Gemeinschaftsregel erlaubte er nur Kleidung und Sandalen als Besitz – mehr nicht.
Prägende Momente
Seine Haltung sprach mich in meiner Jugend an. Irgendwie konnte ich ein wenig von mir darin wiederfinden. Sie stand für Ungebundenheit, Idealismus und Mut. Eine positiv begründete kritische Distanz zur Welt. Viele von uns fühlten damals ähnlich: Wir wollten eigene Wege gehen, suchten nach Sinn, wollten ehrlich leben. Das fand auch in der Musik Ausdruck – zum Beispiel das Lied „Heute hier, morgen dort“ von Hannes Wader. Immer, wenn einer zur Gitarre griff, war dies eines der ersten Lieder.
Solche Radikalität und Ungebundenheit sprachen uns in der Jugend an. Wir konnten uns darin wiederfinden. Und es war viel was uns damals ansprach. Wovon wir dachten, „das ist es!“ Wir waren jung, die Wege vor uns lagen offen, kaum Verpflichtungen hielten uns fest.
Rückblickend frage ich mich manchmal: Wie hätten wir damals uns selbst gesehen, wenn wir uns, wie wir heute leben, hätten beobachten können? Wie hätten wir über uns gedacht?
Und: Was hat uns auf den Weg geführt, den wir heute gehen? Welche Entscheidungen, die wir damals trafen, führten uns an den Punkt, an dem wir jetzt stehen? Sicher, manches war ungeplant. Es gibt Entscheidungen, die über uns gefällt wurden. Doch warum entschieden wir uns für unsere Ausbildung, unseren Beruf und die daraus folgende Richtung? Wo sahen wir unsere Berufung? Oder war es Zufall?
Veränderungen
Vieles hat sich verändert. Manche Gedanken, die ich früher hatte, sehe ich heute anders. Was mich damals aufgeregt oder begeistert hat, sehe ich gelassener oder aus einem anderen Blickwinkel. Wir verändern uns – durch Erfahrungen und Lernen, Menschen, Arbeit, Verantwortung. Lebensumstände formen uns, auch neue Einsichten.
Und doch: Wenn ich zurückschaue, erkenne ich einen roten Faden. Dinge, die mich damals ansprachen, prägen mich noch immer – nur manchmal reflektierter, vielleicht etwas ruhiger.
Erinnerungen und biblische Provokation
Solche Gedanken kamen mir, als ich wieder auf eine Bibelstelle stieß, die mich schon als junger Mensch provoziert hat (Lukas 9, Verse 57–62). Es geht um drei Sätze zur Nachfolge.
Drei Menschen begegnen Jesus und wollen ihm folgen – oder werden von ihm dazu aufgerufen.
- Der erste hört: „Die Füchse haben Höhlen, die Vögel Nester. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.“
- Ein zweiter möchte, wie es Pflicht ist, erst seinen Vater begraben. Doch Jesus antwortet: „Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben. Du aber geh und verkünde das Reich Gottes!“
- Ein dritter will sich von seiner Familie verabschieden, doch Jesus sagt: „Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“
Diese Worte wirken hart. Schon als Jugendlicher fand ich sie eine Zumutung. Doch sie stehen in der Bibel – und sie provozieren mich bis heute.
Dabei ist es doch merkwürdig: Ich war begeistert von Hannes Waders Lied über das Unterwegssein und von Franz von Assisis radikalem Leben. Doch wenn Jesus zu solchem Loslassen aufruft – dann kommt es mir viel näher.
Nachfolge heute?
Manche Theologen sagen: Diese Worte zeigen, dass Nachfolge für Jesus alles umfasst – sie betrifft das ganze Leben. Nichts kann man auslassen. Zur Zeit des Neuen Testaments konnte das oft Verfolgung, Entbehrung oder den Tod bedeuten.
Wir leben heute anders. Unsere Welt dreht sich meist um Geld, Leistung und Erfolg und den kurzfristigen Vorteil. Geld ist oft der einzige Maßstab. Wir stehen im Spannungsfeld zwischen Glauben und Leben. Zwischen dem, was wir für uns für richtig ist, und dem, was der Beruf, die Umgebung oder die Gesellschaft von uns erwarten. Es ist ein stetiger Versuch, dies in uns zusammenzubringen. Und allzu oft gelingt es nicht, Erwartungen und „Sachzwänge“ machen es nicht möglich. Manchmal denken wir „eigentlich müsste man“, und tun doch etwas anderes. Und manchmal bleibt uns gar keine Wahl.
Dies erleben wir zum Beispiel am Arbeitsplatz. Wenn wir auf Erwartungen oder Vorgaben des Arbeitgebers oder Vorgesetzten treffen, die uns zuwiderlaufen. Wenn wir mit Dingen beauftragt werden, die wir für falsch halten.
Für sie sei es selbstverständlich, dass sie sagen müssten, was der Arbeitgeber vorgibt. Nicht was sie denken oder für richtig halten. Das sagten mir einmal Sportkollegen.
Wie es sich im weltweiten oder politischen Bereich verhält braucht nicht besonders untersucht zu werden. Dass aus der „Politikmüdigkeit“ der 90er Jahre inzwischen fast eine Aversion geworden ist wundert niemanden. Auswege sind nicht zu erkennen.
Sicher, wir könnten ganz aus der Gesellschaft aussteigen, so wie Franz von Assisi. Ein radikales Leben an den wörtlich genommenen Texten des Neuen Testaments ausgerichtet führen. Doch, was würde das ändern?
Zu den Sätzen zur Nachfolge: Es gibt Theologen, die betonen: Die Sätze wurden von Jesus gesagt als er unterwegs auf dem Weg nach Jerusalem war, zu Fuß und ohne Unterkunft. Während der Wanderung sozusagen. Seine Jünger mussten weiterziehen, durften nicht stehen bleiben. Eine Pause, ein Warten war nicht möglich. Mitkommen, Nachfolge bedeutete dann: Gleich mitkommen. Nach vorne schauen – nicht zurück. Dies sagen die Theologen nicht, um die Sätze Jesu abzuschwächen. Sie wollen, dass diese Sätze richtig verstanden werden. Deshalb ist die Situation, in der sie entstanden, zu beachten. Was zur Situation einer Wanderung gesagt wird gilt nicht unbedingt in allen anderen Situationen.
Und jetzt?
Und doch, egal, wie man es sieht: Diese Worte Jesu sind und bleiben eine Provokation, eine Herausforderung. Sie waren es damals, und sie sind es heute.
Wenn ich ehrlich bin, wie schon gesagt, sehe ich auch mich mit Blick auf die Jugend verändert: Mein jüngeres Ich würde vielleicht sagen, ich sei heute angepasst und weniger radikal geworden. Aber diese Veränderungen gehören zum Leben. Sie entstehen auch durch Verantwortung, Erfahrungen, Weiterlernen, neue Perspektiven.
Was heißt Nachfolge?
Nachfolge Jesu ist und bleibt eine Herausforderung. Für den Einzelnen. Und für die Umgebung.
Wir werden nicht mehr direkt angesprochen, ob wir Jesus nachfolgen wollen. Wenn wir über unsern Weg entscheiden sind wir selbst gefragt. Wir können uns fragen, mit welchen Gaben wir ausgestattet wurden, wofür wir uns begeistern. Und diesen Gaben, soweit es geht, in unserem Leben Platz geben, sie entwickeln und entfalten. Auf Grundlage dieser Überlegungen können wir uns fragen, welcher Weg uns das möglich macht. Im Idealfall sogar im Berufsleben.
Und wir können uns in Leben und Handeln an Jesus orientieren. Mit Glauben, Hoffnung und Liebe als Kompass. Damit können wir bei den Herausforderungen unserer Welt, Umgebung und des Lebens immer wieder neu den Weg ausrichten.
Das könnte Nachfolge sein.
Und dann, immer wieder mal, treffen wir auf Jesu Worte zur Nachfolge, die uns provozieren und zur Selbstprüfung aufrütteln.
.
.
.
.
.
Wie empfindest Du die Sätze Jesu zur „Nachfolge“? Passen sie zu unserem Leben im 21. Jahrhundert?
Gibt es für Dich Menschen – wie Franz von Assisi oder jemand aus deinem Umfeld – die ihre Überzeugungen verwirklichen konnten und dadurch prägende oder vorbildliche Personen sind?
Wenn Du auf Dein jüngeres Ich blickst: Welche Träume oder Überzeugungen sind dir geblieben – und welche haben sich verändert?

Schreibe einen Kommentar