Man sagt mir nach, ich sei kein besonders emotionaler Mensch. Ich halte das für eine brauchbare Beschreibung. Trotzdem verspüre ich regelmäßig, kurz nach Weihnachten, den Wunsch nachzusehen, was eigentlich aus meinen Plänen für das Jahr geworden ist. Es heißt, Bilanzziehen sei sinnvoll. Ich tue es mithilfe meines Kalenders. Er ist in solchen Dingen erfahrener als ich.
Das Jahr, das nun endet, hatte wieder andere Vorstellungen. Das scheint eine seiner Eigenschaften zu sein.
Beim Zurückblättern stoße ich auf zahlreiche Fahrten zu Krankenbesuchen. Gespräche mit Ärzten und Pflegekräften. Wartezimmer. Informationen, die man bekommt, ohne sie bestellt zu haben.
Zwischen diesen Einträgen finden sich politische Termine. Bundestagswahl. Nationalistische Parteien im Aufwind. Dazu Bilder, von denen man früher gesagt hätte, sie seien undenkbar. Präsidenten, die Verträge eher als unbedeutende Empfehlung verstehen, lachend nebeneinander im Auto. Der eine führt einen Vernichtungskrieg gegen sein Nachbarland. Der andere fantasiert öffentlich darüber, Millionen Demonstranten mit seinen Fäkalien zu bombardieren, und denkt laut darüber nach, sich Gebiete verbündeter Staaten einzuverleiben.
Man muss seine Vorstellungskraft gelegentlich nachjustieren.
Vieles von dem, was in diesem Jahr geschehen ist, hätte ich mir früher nicht vorstellen können. Manche sagen inzwischen, die Welt stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Ich weiß nicht, ob das zutrifft, aber das Jahr hat sich bemüht, diesen Eindruck zu unterstützen.
Wären da nicht die guten, intensiven Stunden mit Menschen gewesen, die mir sehr am Herzen liegen, ich hätte dieses Jahr vermutlich lieber gelöscht. Zu oft hatte ich das Gefühl, Entwicklungen laufen in die falsche Richtung. Andererseits: Das Weltgeschehen ist erfahrungsgemäß nicht auf meine Einschätzung angewiesen.
Und dann lese ich die Losung für 2026:
„Siehe, ich mache alles neu.“
Das ist kein vorsichtiger Satz. Kein Optimierungsversprechen. Sondern die Ankündigung einer vollständigen Neuschaffung. Ein neues Sein. Mehr, als man realistischerweise erwarten darf.
Wie gesagt: Ich bin kein besonders emotionaler Mensch. Aber dieses Jahr hat mir den Gedanken nahegelegt, dass eine grundlegende Veränderung vielleicht gar keine schlechte Idee wäre. Menschen grundlegend neu, mit Geist und Körper. Das Zusammenleben von Menschen, Staaten und mit der Natur grundlegend neu. Alles noch einmal von vorn, nur diesmal mit etwas Erfahrung. Mit grundlegend neuer Ausrichtung.
Eine schöne Vorstellung. Eine christliche Zukunftserwartung.
Mein Zahnarzt hätte vermutlich Einwände. Die Menschen in der Ukraine und in Gaza eher nicht. Schon die Möglichkeit, dass es so kommen könnte, wirkt beruhigend.
Menschen haben allerdings immer wieder versucht, die Welt grundlegend neu zu gestalten. Die Sowjets. Die Nationalsozialisten. Pol Pot. Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, führte zuverlässig in die Hölle. Das Muster ist bekannt.
Christen, so habe ich gelesen, überlassen die grundlegende Neuschöpfung deshalb Gott. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Einsicht. Menschen sind dafür ungeeignet. Ihr Leben, ihr Sein ist zu gebrochen. Meines eingeschlossen.
Die Neuschöpfung wird angekündigt, nicht geplant. Gott sagt, er selbst mache alles neu. In Jesus lässt sich erkennen, wie das aussehen soll. Und seitdem gibt es sie, diese kleinen Stellen im Leben, an denen etwas davon sichtbar wird:
- wo Leid gelindert wird,
- wo Tränen abgewischt werden,
- wo Menschen Trost erfahren,
- wo tödliche Kräfte begrenzt werden.
Vielleicht sollte ich 2026 genauer auf diese Stellen achten. Nicht auf die große Lösung, sondern auf das, was schon jetzt möglich ist. Man kann diese Dinge nicht machen, aber man kann sie wahrnehmen. Und vielleicht ein wenig unterstützen.
Dann wird es im Leben etwas heller. Das muss reichen – fürs Erste.

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