Das Boot glitt ruhig dahin. Im warmen Sonnenlicht glitzerten die Wellen. In der Ferne quakten einige Enten. Ein warmer, milder Wind strich über seine Haut und bewegte das Boot voran.
„Geh. Mach mal einen Törn,“ hatte seine Frau zu ihm gesagt. “Nach den harten Wochen wird es Zeit, dass du wieder auf andere Gedanken kommst.“
Tief durchatmend war er zum Vereinshaus gefahren. Zum Glück war niemand dort. Er hatte sein Boot klargemacht, die Segel gesetzt und war in den sonnigen Tag gesegelt. Tatsächlich konnte er es genießen. Das glitzernde Licht auf dem Wasser. Die Enten, die zunächst um das Boot herum schwammen. Den sanften, milden Wind, der seine Haut streichelte und die Segel leicht blähte. Den Blick auf die Bäume, auf die Landschaften am Ufer.
Doch dann kam alles mit Wucht zurück. Das Gefühl von Sinnlosigkeit. Die Erfahrung, hilflos ausgeliefert zu sein. Die Angst überall zu versagen und am Ende ganz einsam zu sein.
„Tut mir Leid,“ hatte sein Chef zu ihm gesagt. „Du bist ja einer der Guten. Aber, du weißt ja, Sozialauswahl …“. Und schon hatte er die Kündigung in der Hand. Die Kollegen blickten betreten zur Seite. Nur Thorsten, der schon lange seine Stelle haben wollte, grinste breit.
Ab sofort gehörte er nicht mehr dazu. Wurde nicht mehr angesprochen, nicht mehr gefragt. Geschnitten.
Und dann fing die Angst an. Sein Leben schien ihm unter den Händen zu zerfallen. Alles schien absolut sinnlos. Er war nicht mehr gut genug. Wem konnte er jetzt noch unter die Augen treten? Er würde einsam enden.
So war seine Stimmung, als seine Frau ihn Segeln schickte. Und jetzt kam alles wieder hoch. Rotierte in ihm. Wurde zur Spirale abwärts. Seine Augen brannten. Die Schultern zogen sich hoch, begannen zu zucken.
Er wollte dagegen ankämpfen. Sich nicht der Verzweiflung überlassen. Einen Blick nach vorne gewinnen. Vergeblich. Das Urteil schien gesprochen. Endgültig. Es war vorbei.
Ein dumpfes Grollen gefolgt von einem krachenden Donner riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Kopf zuckte hoch. Die Augen irrten umher. Der Wind frischte auf und blies kühl über ihn hinweg.
Verdammt. Er war so in seinen Gedanken versunken, dass er die Umgebung aus den Augen verloren hatte. Weit weg, hinten, war klein das Ufer zu erkennen. Der milde Himmel über ihm war dunkelgrau bis schwarz geworden. Aufgeblähte, drohende Wolken hingen schwer über ihm. Ab und zu zuckte ein greller Blitz darüber. Der Wind frischte auf und wurde immer heftiger. Die Segel des Bootes begannen im Wind zu schlagen.
Was tun? Er musste zurück! Gegen den Wind fahren. Im Zick-zack-Kurs. Hoffentlich war es nicht zu spät. Noch war der Wind nicht zu stark.
Mit Mühe gelang es. Das Boot drehen. Wenden. Segel neu setzen. Hart am Wind nahm er den neuen Kurs auf. Nach und nach wurde das Boot schneller.
Alle Gedanken waren mit einem Schlag fort. Er und sein Boot wurden eins. Gemeinsam spürten sie den Wind, der immer heftiger wurde. Die Gischt schlug ihm hart ins Gesicht. Gemeinsam kämpften sie gegen Wind und Wetter. Aus Segeln wurde ein Ringen mit den Elementen.
Inzwischen war er durch und durch nass. Mit dem Wetter war die Kälte gekommen. All das nahm er nicht wahr. Es ging nur noch ums Zurückkommen.
Das Wasser schlug ins Boot. Es stand ihm inzwischen bis zu den Knöcheln. Immer wieder spülten die Wellen hinein. Er kämpfte gegen die Schräglage. Doch das Boot legte sich im Wind immer wieder auf die Seite.
Langsam wurde er müde. Würde er das Ufer erreichen, das Wetter überstehen? Was, wenn nicht?
Aufgeben? Jetzt? In dieser Situation? Das kam nicht in Frage!
Also, noch einmal wenden. Zick-zack-Kurs. Weiter gegen den Wind ankreuzen. Nicht aufgeben. Er segelte schon so lange. Da würde er sich von so einem Wetter nicht unterkriegen lassen. Auch wenn es ein Schweres war.
Täuschte er sich? Das Ufer war schon nähergekommen. Nach der nächsten Wende müsste er so nah sein, dass er nach Schutz Ausschau halten könnte.
„Du bist wie eine Welle – und Gott ist wie das Meer und trägt dich und alles andere.“ Ging es ihm durch den Kopf. Wo kam denn jetzt dieser Gedanke her, fragte er sich. Wo hatte er das schon einmal gehört? Wie kam er jetzt auf diesen Gedanken?
Wieder wenden. Der Wind war hart. Das Boot machte schnelle Fahrt. Er durfte sich nicht ablenken lassen. Eine neue Wende. Wieder näher am Ufer.
Wenn er das hier übersteht, sollte er sich neu sortieren, dachte er. Natürlich. Alles schien am Ende. Angst und Verzweiflung hatten sein Leben bestimmt. Aber, das, was hier drohte, lässt das nicht alles in einem neuen Licht erscheinen?
Das Ufer war nähergekommen. Wurde Zeit. Das Wasser stand hoch im Boot. Nur noch zwei handbreit bis zur Bordkante. Hoffentlich fand er bald einen geschützten Platz.
Dahinten. Dort sah es aus, als würden Bäume, Büsche und Felsen ein wenig Windschatten und Schutz bieten.
Also noch einmal wenden. Den Kurs dorthin ausrichten. Der Wind schien wieder stärker. Noch öfter kreuzen oder ganz hart am Wind segeln?
Er riskierte es. Wollte endlich Schutz finden. Mut der Verzweiflung. Also ganz hart am Wind. Das Boot nahm Fahrt auf. Das Ufer kam näher. Bäume und Felsen waren immer deutlicher zu erkennen. In das wachsende Magengrummeln der Spannung mischte sich langsam Hoffnung.
Dann. Ein harter Schlag. Es hob fast das Boot an. Etwas schlug unten gegen das Boot. Für Sekunden hielt es inne. Dann wurde es vom Wind fortgetrieben. Erst langsam. Dann immer schneller. Felsen in Ufernähe hatten das Schwert schwer beschädigt. Das Boot hatte unter Wasser dem Wind wenig entgegenzusetzen.
Nackte Panik sprang ihn an. Sofort das Segel einholen. Wie gut, dass das Boot vollgelaufen so tief im Wasser lag. So wurde es nicht so schnell abgetrieben.
Er resignierte.
War jetzt der Zeitpunkt aufzugeben?
Wie lange dauerte es, bis er in England war?
Was würden sie sagen, wenn er dort ankommen würde?
German sailor, dry and salted?
Galgenhumor.
Jetzt war alles vorbei. Und es machte ihm nichts mehr aus. Es spielte keine Rolle mehr, dass der Wind jetzt nachließ.
Er suchte sich einen Platz an Bord, der nicht im Wasser war. Er legte sich hin.
Der Himmel klarte auf. Goldene Abendsonne.
Ein leises Tuckern störte den abendlichen Frieden. Es wurde lauter. Boote näherten sich. Seine Frau und seine Vereinsfreunde riefen seinen Namen.
Er glaubte zu träumen. Merkte dann, es ist real. Mühsam richtete er sich auf. Winkte ihnen zu.
Seine Frau weinte. „Schön, dass wir dich wiederhaben,“ sagten die Freunde.
Neues Leben, dachte er. Mit Frau und Freunden. Was will man mehr? Der Rest wird sich finden.
Du bist wie eine Welle. Und Gott trägt dich – wie das Meer die Welle.
Auferstehung?

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