Es gibt sie noch, die guten Zeiten. Die Tage, an denen das Leben sich nicht wie eine To-do-Liste anfühlt, sondern wie ein Geschenk. Wunderbare Urlaubstage, gelingende Abende mit lieben Menschen, hilfreiche und weiterführende Gespräche, harmonische Stunden in der Partnerschaft. – Momente, in denen man merkt: So sollte das Leben immer sein, denkt man dann.

Und fast automatisch kommt der Gedanke: Warum ist das nicht dauerhaft so?

Doch Leben ist anders. Konflikte entstehen. Erwartungen passen nicht zusammen. Wir geraten an Grenzen – unsere eigenen und die der anderen. Wir erleben, wie zerbrechlich Beziehungen sind, wie endlich unser Körper ist, wie wenig selbstverständlich Frieden, Gesundheit oder Sicherheit sind. Und unser Planet ist zerbrechlich.

Warum ist das alles so? Eine Frage die Forschergruppen mit großem Interesse verfolgen. Jedenfalls handelt es sich um eine Tatsache, die Menschen ihr Leben schwer machen kann oder Staaten in Kriege führt.

Eine uralte Frage – eine überraschende Antwort

Die Frage „Warum ist das so?“ ist keine moderne Frage. Eine alte Geschichte bietet eine Antwort an. Keine Bewertung. Keine Moralisierung. Sie erzählt warum Welt und Leben sind wie sie sind. Eine Geschichte aus dem Alten Testament, aus dem Anfang der Bibel (1. Mose 3).

Die ersten Kapitel der Bibel sind keine Bauanleitung der Welt und kein Bericht darüber, wie alles technisch entstanden ist. Sie sind eine theologische Erzählung. Sie fragt nicht: Wie wurde die Welt gemacht?

Sie fragen: Warum ist die Welt, wie sie ist? Warum erleben wir sie so widersprüchlich?

Der Garten: Leben in Harmonie

Und so erzählt unsere Geschichte warum das Leben kein andauernder Urlaub ist. Warum die Welt kein paradiesischer Garten ist.

Es ist die Geschichte von Adam und Eva im Paradies. Von den ersten beiden Menschen, die im Garten Gottes leben. Unschuldig, wie die Kinder bewegen sie sich dort. Nackt und unbefangen gingen sie miteinander um. Für alles ist gesorgt. Sie mussten sich um nichts Gedanken machen. Alles war erlaubt. Nur vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse durften sie nicht essen. Sobald sie davon essen würden, würden sie sterben. Nicht als Schikane. Sondern als Feststellung der Situation: Du bist Geschöpf – Du musst nicht Gott spielen. Gottes Garten – Gottes Regeln.

Die eigentliche Versuchung

So etwas kann nicht gut gehen. Verbotenes weckt Interesse. Wenn alles bis auf eine Sache möglich ist, bekommt man das Verbotene irgendwann nicht mehr aus dem Kopf. Wer einmal versucht hat mit dem Rauchen aufzuhören kann ein Lied davon singen.

Im Garten Eden bekommt die Neugier eine Stimme. Sie spricht aus der Schlange. Wir kennen das. Menschen, die es scheinbar gut mit uns meinen, raten uns. Geben uns Ratschläge, was wir tun sollten. Flüstern Worte wie:

„Sollte das wirklich so gemeint sein…?“

„So schlimm wird’s schon nicht sein.“

„Du verpasst sonst was.“

„Alle machen das.“

So oder ähnlich hören sich unsere Versucher an. Im Garten Eden geht es dann weiter: „Im Gegenteil: euch werden die Augen aufgehen. Ihr werdet wie Gott sein und wissen was Gut und Böse ist.“ So spricht die Schlange, die Stimme der Neugier.

Und die Menschen aßen. Und ihnen gingen die Augen auf.

Es gibt ein Problem unserer Werkseinstellung als Mensch. Hier wird es vor Augen geführt: Wer möchte nicht selbst erkennen, selbst entscheiden, was Gut und Böse ist? Wer möchte nicht selbst, für sich und sein Leben Verantwortung übernehmen? Das ist keine Sünde.

Und zugleich: Wir sind verführbar und maßlos. Tief in uns als Menschen steckt eine Maßlosigkeit, Neid und Gier, die uns alles vergessen lässt. Ein Antrieb des Menschen ist der Wunsch nach „Mehr“.

Die Geschichte zeigt uns diese doppelte Versuchbarkeit. Wie schwer es fällt, Regeln einzuhalten. Wie groß die Angst ist, zu kurz zu kommen. Wenn einer die Frucht isst will auch der andere abbeißen.

So entscheidet der Mensch die Sache selbst in die Hand zu nehmen und von der Frucht zu essen. Zuerst, aktiv, die Frau. Dann der Mann. Damit treffen sie eine Entscheidung für ihre Autonomie, für Selbstbestimmung und Freiheit. Damit sündigen sie nicht.

Und dann gehen ihnen die Augen auf. Die Erkenntnis setzt ein.

Sind die beiden bisher nackt und unbefangen miteinander umgegangen, erkannten sie nun, dass sie nackt waren. Sofort wurde nach Feigenblättern gegriffen. Das Notwendigste bedeckt.

Das folgt auf die Erkenntnis des Guten und des Bösen: Ein Mensch kann sich nicht vor dem Andern zeigen, wie er ist. Man kann sich nicht ungeschützt begegnen.

Was sich verändert

Am Abend geht Gott durch den Garten. Sicher nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal versteckt sich der Menschen als er kommt. Und Gott ruft ihn: „Wo bist du?“

Eine Frage, über die viel nachgedacht wurde. Eine Frage, die je nach Blickwinkel unterschiedliche Bedeutung haben kann. Zum einen mag Gott die Menschen vermissen. Sie waren doch immer da. Wo bist du?

Es kann auch verstanden werden wie „Was tust du? Wo stehst du mit deinem Denken, Fühlen, Handeln?“

Und der Mensch, so erzählt die Geschichte, reagiert. Er sagt: „Ich habe dich gehört und Angst bekommen. Ich habe mich versteckt, weil ich nackt bin.“

Alles hat sich für den Menschen verändert. Der friedliche, unschuldige Garten ist anders geworden. Er kann sich nicht mehr unbefangen bewegen, mit dem anderen, mit den Tieren und Pflanzen umgehen wie bisher. Er sieht alles anders. Er sieht sich anders.

Bisher war es kein Problem, dass er nackt ist. Dass er sich so sieht, wie er ist. Dass andere ihn wahrnehmen, wie er ist. Dass Gott ihn so sieht, wie er ist. Es gab keine Maßstäbe ihn und andere zu beurteilen und zu bewerten. Frei und unbefangen konnte man miteinander umgehen.

Doch nun gibt es ein Wissen, was Gut und Böse ist. Es gibt die Möglichkeit zu urteilen und zu bewerten. So kommt es zu einem gegenseitigen Erkennen. Dies beschädigten die bisherige gegenseitige Vertrautheit, Innigkeit und Unbefangenheit.

Er kann sich nicht mehr zeigen, wie er ist. Er versteckt sich. Und nicht, weil er vielleicht zu viel auf den Hüften hätte. Der Blick des Menschen auf sich selbst und auf das um ihn herum ist nicht mehr unbefangen. Er blickt nun durch die Brille des Wissens um Gut und Böse.

Durch seine Antwort zeigt der Mensch Gott, was geschehen ist. „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?

„Hast du von dem verbotenen Baum gegessen?“ fragt also Gott.

Wie der Mensch nun reagiert ist uns gut bekannt. Es ist zu tief in uns.

Der Mensch, Frau wie Mann, hatte entschieden die Frucht zu essen. Er wollte die Verantwortung und Entscheidungsmacht, das Wissen. Und nun: Drei Mal versucht der Mensch die Verantwortung abzuschieben.

  • Er versucht durch Kleidung und Verstecken das Geschehen zu verbergen.
  • Er sagt zu Gott: Die Frau hat mir die Frucht gegeben.
  • Du hast mir die Frau doch zur Seite gestellt.
  • Die Schlange hat mich verführt.

Zutiefst menschlich. Uns begegnet es immer wieder.

Von sich wegweisen. Macht haben und ausüben wollen. Nicht für die Folgen einstehen. Anderen die Verantwortung zuschieben. Andere waren es, wenn es schief geht.

Wie reagiert Gott. Empörung? Ein Strafgericht?

Gottes Reaktion: Keine Abrechnung – Begleitung

Ganz im Gegenteil. Er nimmt nüchtern zur Kenntnis, was geschehen ist. Und er beschreibt die Folgen. Der Mensch ist selbstbestimmt und frei. Er entscheidet selbst über sein Tun und Lassen. Er setzt seine eigenen Regeln. Deshalb ist die Welt auch so, wie er sie gestaltet. Sein Leben und seine Welt sind nicht so innig wie es im Paradies wäre. Dies ist zerbrochen. Ein Bruch zwischen Menschen und Gott. Dieser Bruch ist keine Sünde. Er wird später die Sünde als Folge haben. Wenn Kain seinen Bruder Abel ermordet.

Gott beschreibt einfach die Folgen. Er bestraft nicht. Er verflucht nicht.

Leben – nicht im Paradies

Schlange und Mensch werden Feinde sein. Schwangerschaft und Geburt sind mit Schmerzen verbunden. Die Welt wird hart und schwer zu bearbeiten sein. Auf Äckern und Feldern wachsen auch Disteln und Dornen. Das heißt, Arbeit ist mühselig und schweißtreibend. Und der Mensch ist sterblich.

Doch Gott gibt den Menschen nicht auf.

Die Feigenblätter waren keine gute Idee. Gott gibt den Menschen Kleidung aus Fell. Er gibt ihnen Unterstützung für ihr Leben in dieser Welt, stattet sie dafür aus. Es gibt kein Zurück in den Garten Eden, der Weg ist den Menschen versperrt. Seine Selbstständigkeit schließt die Rundumversorgung dort aus. Wer selbstständig ist muss sich selbst versorgen.

Zukunft gestalten

Eine gute Geschichte?

Es kommt darauf an, was man aus der Situation macht. Die Geschichte beschreibt, was uns heute noch beschäftigt. Die Grundhaltung des Menschen, sein Umgehen miteinander und mit der Welt. Warum die Realität ist, wie sie ist. Warum Gott und Mensch so weit auseinander sind.

Und doch hat Gott den Menschen nicht aufgegeben. Wenn in dieser Geschichte beschrieben wird, warum die Realität so ist, wie sie ist, dann sagt sie auch, dass damit die Zukunft nicht festgelegt ist.

Die Windschutzscheibe ist größer als der Rückspiegel soll jetzt einer gesagt haben. Also nach vorne sehen. Zukunft kann gestaltet werden. Wir haben die Freiheit und Selbstständigkeit dies zu tun. Und wir haben eine Verantwortung dafür, der wir uns nicht entziehen können.

Wie findest Du diese Geschichte? Sagt sie etwas über den Menschen heute aus? Hat sie Bedeutung dafür, wie wir unser Leben gestalten? Schreib es im Kommentar.


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