Neulich hatte ich den Eindruck, sie melde sich wieder zu Wort. Die Stimme der Vernunft. Sie kam nicht aus mir, sondern aus dem Fernseher, was ihr Gewicht zunächst erhöhte. Es lief eine Dokumentation. Sorgfältig, sachlich, beinahe liebevoll wurden die entscheidenden Entwicklungen unserer Welt erklärt. Diagramme, Zeitachsen, Experten mit ruhigen Stimmen. Alles sehr ordentlich.
Nichts Neues
Ich dachte: Das kenne ich. Das ist alles schon einmal gesagt worden. In den Siebzigern, zum Beispiel vom Club of Rome. Oder von Hoimar von Ditfurth, der damals noch so sprach, als könne Aufklärung etwas bewirken. Die Katastrophen, die man uns damals als theoretische Möglichkeit präsentierte, stehen heute geschniegelt vor der Tür und räuspern sich.
Nichts Neues also. Auch die Prognosen nicht: Was passiert, wenn wir nichts tun. Das wurde wieder einmal erklärt, und wieder einmal verstand ich es. Und wieder einmal fragte ich mich: Warum geschieht eigentlich nichts? Oder zumindest nichts Entscheidendes? Das Wissen ist alt, die Warnungen sind alt, sogar die Empörung darüber ist alt. Nur die kommenden Konsequenzen sind neu und unangenehm konkret.
Später dachte ich an Fußball. An diese seltsame Situation, dass elf Menschen auf dem Rasen um Tore kämpfen, während Millionen anderer auf dem Sofa genau wissen, wie es besser ginge. Vielleicht bin ich bei Dokumentationen so ein Bundestrainer vor dem Bildschirm. Ein Besserwisser mit Chipskrümeln auf dem Bauch. Dieser Gedanke gefiel mir nicht besonders, also verwarf ich ihn vorsorglich.
Fassade statt Engagement
Stattdessen begann ich, den Politikern zuzuhören. Also dem, was sie sagen, wenn sie reden. Mir fiel auf, wie auffällig oft sich ihre Sätze an Wahlterminen orientieren. Oder an Stammwählern. Selten an den Problemen selbst. Viel Beruhigung, wenig Zumutung. Viele Worte, die ungefähr so klingen, als wolle man sagen: Wir haben das im Griff – bitte bleiben Sie ruhig.
Ich halte nicht viel von Küchenpsychologie, aber manchmal kann man sich ihr schwer entziehen. Wenn Menschen mit Verantwortung sprechen, höre ich häufig nicht das, was sie sagen, sondern das, was sie vermeiden. Sie antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Sie wechseln das Thema mit der Eleganz eines Zauberers, der gerade ein Kaninchen verschwinden lässt. Und sie wirken dabei erstaunlich unbeteiligt an dem, was doch angeblich eine so dringende Herausforderung ist.
Glaubwürdigkeit und Haltung
Dabei wünsche ich mir bei Zukunftsfragen etwas Altmodisches: Glaubwürdigkeit. Überzeugung. Das Gefühl, dass da jemand innerlich engagiert ist. Es geht ja nicht um eine neue Parkordnung, sondern um die Lebensbedingungen unserer Kinder und Enkel. Wenn man mir in dieser Lage mit beschwichtigender Stimme erklärt, man würde die Herausforderungen ernst nehmen, sich kümmern und einmal wieder Dinge auf den Weg bringen, werde ich nervös.
Wer brennt eigentlich noch? Nicht fanatisch, nicht hysterisch, sondern sachlich leidenschaftlich. Wer will wirklich, im Innersten, dass die Welt ein bisschen besser wird – und nicht nur der Eindruck entsteht, man habe sich korrekt verhalten?
Ich habe immer geglaubt, dass man so etwas merkt. Dass das, wovon ein Mensch erfüllt ist, durchscheint. Durch Worte, durch Gesten, durch Pausen. Selbst Schauspieler können das nicht vollständig verbergen.
Kulinarische Berufung
In dieser Stimmung las ich den Berufungsbericht des Propheten Ezechiel (Ezechiel 2,1 – 3,3). Eine merkwürdige Geschichte. Gott beauftragt ihn zu warnen, obwohl ziemlich klar ist, dass niemand zuhören will. Der Auftrag lautet nicht: Überzeuge sie. Er lautet lediglich: Rede. Damit sie später nicht sagen können, niemand habe etwas gesagt.
Dann kommt dieses wunderbare, völlig absurde Bild: Gott reicht Ezechiel eine vollgeschriebene Schriftrolle. Alles, was gesagt werden muss. Und Ezechiel soll sie essen. Er tut es – und sie schmeckt süß. Kulinarische Berufung. Man möchte fast lächeln.
Haltung bewahren
Von nun an spricht Ezechiel aus seinem Innersten. Er ist voll von dem, was gesagt werden muss. Erfolgsaussichten: gering. Verantwortung: begrenzt. Seine Aufgabe ist das Reden, nicht das Ergebnis.
Das ist mir fremd. Ich denke in Zielen, Maßnahmen und Resultaten. Wenn ich etwas tue, möchte ich auch etwas erreichen. Und wenn es nicht klappt, bin ich enttäuscht. Oder ärgerlich. Oder beides.
Schutz vor Fanatismus
Vielleicht beginnt hier das Problem. Fanatismus entsteht dort, wo Erfolg um jeden Preis erwartet wird. Wo ein Ziel so groß wird, dass alles andere verschwindet. Dann wird Überzeugung zur Zwangsbeglückung.
Man kennt das. Nichtraucher, denen es nicht reicht, vor den Gefahren zu warnen. Menschen, die genau wissen, wie andere zu leben haben. Wie nah man sich kommen darf, auch in Beziehungen, was man tragen soll, woran man glauben muss. Immer im Namen eines höheren Gutes. Moral, Religion, Planet. Und immer mit erstaunlich wenig Geduld für abweichende Entscheidungen.
Ezechiel war davon befreit. Er sollte reden. Mehr nicht. Warnen, hinweisen, sagen, was gesagt werden muss. Auf ihn hören oder nicht hören – das war nicht seine Sache. Darum kümmert sich Gott. Diese Trennung schützt vor Fanatismus. Man kann sprechen. Man kann nicht steuern, was andere daraus machen.
Worte wirken
Und doch wirken Worte. Auch wenn man es nicht sofort sieht. Sie sind in der Welt. Sie nehmen Raum ein. Sie verschwinden nicht spurlos. Auch, wenn sie scheinbar wirkungslos sind lösen sie etwas aus. Club of Rome, Hoimar von Ditfurth, auch sie haben Folgen. Umweltbewegungen sind nicht vom Himmel gefallen. Die Grünen, Greenpeace und vieles andere auch nicht. Unser Denken hat sich verändert. Wir heizen nicht mehr mit Koks und Öl, bald ist die Wärmepumpe Standard. Wir leben anders, wir wissen mehr.
Es reicht noch nicht. Das sagen die Prognosen. Und sofort meldet sich in mir der Wunsch nach mehr Druck, mehr Verboten, mehr Zwang. Und ich merke, wie ich innerlich abrutsche. Weg von dem, woran ich mich eigentlich orientieren wollte: Glaube, Hoffnung, Liebe.
Was bewahrt vor dem Abrutschen? Wie bleibt man glaubwürdig? Für andere – und für sich selbst? Was scheint aus meinem Innersten nach Außen durch?
Glaubwürdig bleiben
Neulich unterhielt ich mich mit einer Kollegin über eine alte Geschichte, die den Cherokee – Indianern zugeschreiben wird. In ihr erzählt ein Großvater seinem Enkel, dass in jedem Menschen zwei Wölfe kämpfen.
Der eine steht für das Böse, für Zorn, Neid, Gier, Egoismus und Überheblichkeit.
Der andere für das Gute, für Freude, Liebe, Hoffnung, Wohlwollen und Gelassenheit.
Der Enkel fragt: Welcher gewinnt?
Der Großvater sagt: Der, den du fütterst.
Ich glaube, ich sollte meinen Wolf füttern gehen …
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Was denkst du? Verhallen die Worte, die vor der Klimakatastrophe warnen, wirkungslos? Sind all die Konferenzen umsonst?
Kann uns Ezechiel anregen beim Blick auf die Zukunft Gott zu vertrauen?
Oder gilt das Luther-Zitat: Beten, als ob alles arbeiten nichts nutzt und arbeiten, als ob alles beten nichts nutzt?

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