Sturmfahrt

Ich fahre gern Boot. Das ist eines jener Hobbys, die man nicht rechtfertigen muss, weil niemand sie angreift. Niemand demonstriert gegen Boote. Niemand fordert einen besonderen Antrieb auf Seen. Bootfahren ist politisch neutral, moralisch einwandfrei und gesundheitlich nur mäßig riskant.

Besonders mag ich es, wenn das Boot durch eine Landschaft gleitet, die so aussieht, als habe sie jemand mit freundlicher Absicht entworfen. Ich erinnere mich an Holland. Schmale Kanäle, grünlich schimmerndes Wasser, Fahrräder an Geländern, die dort offenbar seit Jahrzehnten vergessen wurden. Mächtige Weiden mit Ästen, die bis ins Wasser hängen, als wollten sie prüfen, ob noch alles da ist. Häuser mit Gardinen, hinter denen vermutlich Menschen frühstücken, die nichts von mir wissen und mir doch ein wenig das Gefühl geben, dazuzugehören.

Alles ruhig. Alles höflich. Man denkt in solchen Momenten unweigerlich: Das Leben kann schön sein. Man denkt es vorsichtig, so, als könne das Leben mithören.

Später dann Segeln auf großen Seen. Jollen, weißes Tuch im Wind, das leise Knarren der Leinen. Alte Villen am Ufer, kleine Stege, an denen verlassene Ruderboote liegen, Wälder, die nach Harz riechen. Frei, fast schwebend. Man sitzt da mit einer Thermoskanne zwischen den Knien und glaubt für einen Augenblick, die Welt sei im Grunde ein lösbares Problem.

Bis sie es wieder nicht ist.

Manchmal wird aus dem milden Wind ein Sturm. Er kommt schnell, wie eine E-Mail mit dem Betreff „Könnten wir kurz telefonieren?“. Das Boot legt sich auf die Seite, Wasser schwappt über den Rand, jemand ruft etwas, das keiner richtig versteht. Man lehnt sich auf der anderen Seite über Bord, hält sich an Metall fest, das plötzlich sehr kalt ist. Man refft die Segel, flucht leise, hofft, dass die Knoten halten. Und irgendwann erreicht man den Hafen, bindet das Boot fest, trinkt einen zu süßen Kaffee und erzählt später, es sei eigentlich ganz harmlos gewesen.

Fahrt im Lebensboot

Ich mag das Bild vom Lebensboot. Es ist eines dieser Gleichnisse, die sofort einleuchten und gerade deshalb gefährlich sind. In ruhigen Phasen gleitet es friedlich dahin. Man sitzt zurückgelehnt, schaut auf das Wasser, denkt an nichts Besonderes.

Es gibt Flauten. Es gibt Menschen, die mögen Flauten. Menschen, die dann Bücher lesen, Tagebuch schreiben oder stundenlang Wolken betrachten. Ich gehöre nicht dazu. Wenn nichts geschieht, überprüfe ich innerlich, ob ich etwas vergessen habe.

Richtig interessant wird es im Sturm. Plötzlich ist alles Bewegung, alles nass, alles wichtig. Die Jacke klebt am Rücken, die Brille beschlägt, irgendwo schlägt etwas rhythmisch gegen den Mast. Wenn es dunkel wird und der Horizont klingt wie ein schlecht gelaunter Heizkessel, wird es schwer, Haltung zu bewahren.

Unsere Zeit liefert dafür reichlich Kulissen. Mieten, die schneller steigen als mein Blutdruck. Preise im Supermarkt, bei denen man unwillkürlich den Kassenzettel faltet, als könne man ihn dadurch kleiner machen. Politische Debatten, die klingen wie Dauerstreit im Treppenhaus. Internationale Nachrichten, bei denen man morgens das Radio einschaltet und abends das Gefühl hat, den halben Tag in schwerer See verbracht zu haben.

Man steht am Steuer seines Lebensbootes, hält einen Kaffeebecher in der einen und das Handy in der anderen Hand und stellt Fragen, die sich schlecht googeln lassen: Bin ich noch richtig? Geht es hier lang? Gibt es irgendwo eine Stelle, an der man kurz anlegen kann?

Ich bin kein ausgesprochener Schwarzseher. Aber ich habe den Eindruck, man muss inzwischen ziemlich abgebrüht sein, um nicht gelegentlich leise in Panik zu geraten. Besonders abends, wenn die Nachrichten vorbei sind und die Küche aufgeräumt ist.

Den Sturm stillen

Neulich dachte ich wieder an die Geschichte von der Sturmstillung. Jesus schläft im Boot. Vermutlich auf einem Kissen, das ein wenig feucht ist. Der Sturm tobt, Wasser schwappt herein, die Jünger rutschen aus, jemand verliert eine Sandale. Sie wecken ihn: „Kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“ Und Jesus richtet sich auf, reibt sich vielleicht kurz die Augen und sagt zu Wind und Meer: „Sei still.“

Das Unheimliche an dieser Geschichte ist nicht das Wunder. Es ist der Schlaf. Jesus schläft. Es ist dieser Schlaf eines Menschen, der derart vertraut, dass selbst ein Sturm ihn nicht beunruhigt. Das tut ein Mensch, der tief vertraut. Auf Gott, auf die Welt, vielleicht sogar auf das Boot.

Vertrauen ist heutzutage kein populäres Steckenpferd mehr. Wir wecken Schläfer sobald Wind aufkommt. Wer ruhig bleibt, gilt schnell als weltfremd. Oder als jemand, der die Lage nicht verstanden hat.

Ich saß kürzlich beim Zahnarzt im Wartezimmer. Plastikpflanze in der Ecke, alte Illustrierte auf dem Tisch, ein Bildschirm an der Wand mit Nachrichten ohne Ton. Plötzlich fiel das WLAN aus. Man merkte es sofort. Die Finger begannen schneller zu tippen, Stirnen legten sich in Falten, jemand seufzte hörbar. Spielstände verschwanden, Chats brachen ab, vielleicht gingen sogar erste mehr oder minder romantische Matches verloren. Nur ein Mann mittleren Alters blieb ruhig, legte das Handy weg und schaute lange aus dem Fenster auf einen Parkplatz. Niemand wusste, was er dachte. Wahrscheinlich hielt man ihn für seltsam.

Stürme stillen im Alltag?

Vielleicht ist das die heutige Form der Sturmstillung: Auszuhalten, dass man gerade nichts tun kann. Offline sein. Warten. Nicht sofort reagieren. Akzeptieren, dass man den Sturm nicht kontrolliert, sondern nur den eigenen Atem.

Ich bin kein Zukunftsexperte. Aber ich vermute, es ist ein Segen, wenn man tief vertrauen kann, dass es irgendwie, irgendwann gut werden wird. Mit dem Klima. Mit der Ukraine. Mit unserer Demokratie. Mit den Nachbarn, die ihre Rechnungen bezahlen müssen. Mit einem selbst. Und dann in aller Gelassenheit an die lösbaren Herausforderungen gehen. Anders geht es nicht.

Ich wünsche mir manchmal, weniger zu steuern und mehr zu beobachten. Den Wind ansehen, wie er über das Wasser streicht. Den Wind wehen lassen, bis er sich von allein beruhigt. Zur Ruhe kommen. Gedanken abgeben wie alte Jacken.

Vielleicht ist das die eigentliche Sturmstillung: Zu wissen, dass Unruhe und Panik keine Lösungen sind. Und dass in einer Welt, die ununterbrochen heult wie ein überlasteter Motor, manchmal schon viel gewonnen ist, wenn wenigstens einer still sitzt und dem Wind zuhört.


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