Impulse der Barmer Theologischen Erklärung
Ein sonniger Tag
Am 29. Mai 1934 war es warm und sonnig in Wuppertal-Barmen. 138 Menschen aus 25 Landeskirchen kamen dort zusammen. Gemeinsam wollten sie dem nationalsozialistischen Staat widersprechen – und sich dagegen wehren, dass ihre Kirche Teil dieses Systems wurde.
Es wird berichtet, sie seien ernst, aber zuversichtlich gewesen. Sie hatten schwere Jahre hinter sich, immer wieder hatten sie existentielle Erschütterungen ihres Lebens erlebt: den Ersten Weltkrieg, innenpolitische Unruhen, beginnende Demokratie, Wirtschaftskrisen, den Verlust von Orientierung – und schließlich die Diktatur. Viele hatten sich, aus Angst vor dem Chaos der Zeit, zuerst den Nationalsozialisten zugewandt – und mussten dann erleben, wie Freiheit und Wahrheit zerstört wurden.
Wenn gleichgeschaltet wird
Das NS-Regime brachte in kürzester Zeit alle Lebensbereiche unter seine Kontrolle. Auch die Kirche blieb nicht verschont. Nach den Kirchenwahlen 1933 übernahmen die sogenannten „Deutschen Christen“ die wichtigsten Ämter. Ludwig Müller wurde Reichsbischof – das Führerprinzip galt nun auch in der Kirche.
Kirchliche Verbände, Vereine und Diakonie wurden gleichgeschaltet oder verboten, der Arierparagraph auf die Kirche übertragen. Pfarrer und Kirchenbeamte jüdischer Herkunft verloren ihr Amt. Bei einer Großveranstaltung der „Deutschen Christen“ wurde ein „arischer Jesus“ verkündet und das Alte Testament verworfen.
Das Ergebnis war eine tiefe Spaltung: Viele Gläubige folgten der NS-Ideologie, sahen sich als Teil einer „arischen Volksgemeinschaft“. Christinnen und Christen jüdischer Herkunft wurden ausgeschlossen. Die Kirche verwandelte sich – von einer Glaubensgemeinschaft zu einer nach Rasse sortierten Organisation.
Bekenntnis
In dieser Situation kam es zur Barmer Bekenntnissynode. Vom 29. bis 31. Mai 1934 wurde die Barmer Theologische Erklärung beschlossen. Ihr Herzstück war das Bekenntnis:
„Jesus Christus allein ist das Wort Gottes – ihm allein haben wir zu vertrauen und zu folgen.“
Daraus entstanden Thesen, die bis heute bedeutsam sind. Zusammengefasst:
- Jesus Christus ist das eine Wort Gottes. Der Glaube darf nicht mit Ideologien vermischt werden.
- Jesus Christus beansprucht das ganze Leben. Es gibt keinen Bereich, in dem andere Maßstäbe gelten.
- Die Kirche verkündet Jesus Christus Gottes Wort – nicht politische Programme.
- Kirchliches Amt ist Dienst, keine Herrschaft.
- Der Staat hat den Auftrag Recht und Frieden wahren, darf aber nicht in die Kirche hineinregieren.
- Die Kirche hört allein auf Jesus Christus als Gottes Wort, nicht auf politische Interessen.
Damit trennte sich die „Bekennende Kirche“ klar von den „Deutschen Christen“. Sie bekannte: Nur in Jesus Christus zeigt sich Gott – keine Nation, keine Bewegung, kein Mensch kann sich göttliche Autorität zuschreiben.
Heute – eine Welt im Umbruch
Am Reformationstag 2025 lohnt sich der Blick zurück. Denn wir erleben grundstürzende Umbrüche: Inflation, Fachkräftemangel, Handelskonflikte, Klimakrise, Kriege, Digitalisierung. Der scheinbar Mächtigere setzt sich durch. Gesellschaften zersplittern. Menschen nehmen Gott für sich und ihre Ziele in Anspruch.
Viele spüren: „Die Welt wackelt.“
Bisher gültige verlässliche Regelungen und Werte scheinen keine Geltung mehr zu haben. Vom Persönlichen bis zum Weltpolitischen. Sicherheiten lösen sich auf, Werte geraten ins Wanken. Orientierung fehlt, Zukunftsangst wächst.
Und gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Halt und nach Sinn.
Wir suchen Sicherheit und Selbstverwirklichung und merken oft, dass beides sich oft gegenseitig blockiert.
Barmer Erklärung heute
Natürlich sind die Zeiten nicht gleichzusetzen. Wünschte man sich heute eine Reformation unserer Kirche kann es nicht um eine „Verbesserung“ ihres aktuellen Modells gehen. Sie muss sozusagen neu erfunden werden. Die Barmer Theologische Erklärung kann uns dabei Impulse zu Glauben und Kirche geben. Sozusagen Eckpunkte für einen Neubau.
Sie erinnert uns:
Gott steht über allen Mächten. Jesus Christus ist der Maßstab für unser Leben.
Diese Einsicht ist aktueller denn je. Sie ruft uns auf, Verantwortung zu übernehmen. Für Gerechtigkeit, für die Würde jedes Menschen, für die, die Hilfe brauchen.
Sie schützt den Glauben davor, von Macht oder Ideologie vereinnahmt zu werden. Sie sagt: Kirche ist kein Machtapparat, sondern eine Gemeinschaft des Dienens.
Gerade heute brauchen wir diese Konzentration auf den Punkt. Sie ermöglicht einen Geist der Freiheit, der Klarheit und Nüchternheit.
Was das bedeuten kann
Die Barmer Erklärung gibt uns Impulse zu dieser Grundhaltung – auch gegen den Strom. Sie hilft, zu unterscheiden, was Ideologie oder Meinung ist und was sachlich orientiert oder reflektierter Glaube.
Das kann heißen:
- Unser Glaube orientiert sich an Jesus – nicht an Meinungen oder Institutionen.
- Unsere Glaubensinhalte sind nicht verhandelbar. Sie sind an Jesus gebunden.
- Unser Glaube ist nur an Jesus gebunden. Das gibt uns die Freiheit uns unbefangen auszutauschen und unsere Überzeugungen und Haltungen zu vertreten.
- Unser Glaube führt uns zu Respekt gegenüber Menschen, Überzeugungen und Lebensweisen.
- Unser Gott ist auch der Gott Israels, der Gott des Alten Testaments. Antisemitismus geht uns alle an.
- Keine Nation, Partei oder Bewegung ist „christlich“. Sie sind bestenfalls von Christen gegründet oder verantwortet. Menschen, auch Christen, können irren – und müssen sich immer wieder prüfen.
- Glauben kann heißen, dem Zeitgeist zu widersprechen – ob religiös, politisch oder wirtschaftlich.
Unsere Gemeinden können dabei Wegbegleiterinnen sein. Sie können uns stärken, ermutigen, trösten. Sie können uns helfen, uns an Jesus zu orientieren – und unsere Haltung immer wieder neu auszurichten.
Unsere Gemeinden können Orte sein,
- wo Menschen Mut finden,
- wo sie einander tragen,
- wo sie gemeinsam glauben
- und gemeinsam handeln.
Zum Schluss
Die Barmer Theologische Erklärung bleibt ein Kompass.
Sie zeigt uns, woraus wir unsere Haltung gewinnen können, wenn alles im Umbruch ist:
aus Jesus.
Aus dieser Freiheit dürfen wir leben – heute wie damals.

Schreibe einen Kommentar