Schweißgebadet schreckte er hoch. Zitternd vor dem Schrecken seiner Traumbilder. Seine Augen irrten hin und her. Innerlich taumelte er zwischen Alptraum und langsamen Erwachen. Er starrte auf die knisternden Feuerreste in ihrer Mitte. Der Ring seiner Freunde lag in festem Schlaf um ihn herum. Und dahinten, nicht weit, die Herde. Sie war eine dunkelgraue Masse vor dem schwarzen Himmel, an dem die Sterne blinkten.
Was hatte er nicht im Schlaf gesehen? Diese Bilder, die das Elend seines Lebens zeigten. Den Besitzer der Herde, wie er wieder vor ihm stand und ihn niederbrüllte. Ihn als räudigen Dieb beschimpfte. Mit seiner Entlassung, seinem Absturz ins Bodenlose, drohte. Ganz ohne Grund.
Und die Banditen und wilden Tiere. Letzte Woche hatten sie ihn verfolgt. Ihn überfiel immer noch Panik, wenn er daran dachte. Mit knapper Not war er ihnen entkommen und hatte sein Leben retten können. Im Traum standen sie um ihn herum, brüllten auf ihn ein. Er lag angstschlotternd, gelähmt da, während ihr Geifer in sein Gesicht spritzte.
Und er sah sich als alten Mann. Bettelnd schleppte er sich durch ein Dorf. Er hatte nie ein Dach über dem Kopf gehabt. War froh gewesen, dass er als Hirte bei der Herde leben konnte und das allernotwendigste zum Überleben hatte. Doch jetzt war er zu alt für die Arbeit und auf Hilfe angewiesen.
Seit Nächten quälten ihn diese Bilder.
Und immer wieder blickten diese Augen ihn in seinen Träumen an. Diese Augen, deren Blick so tief in ihn eindrang. Diese Augen, die so sanft und intensiv waren. Diese Augen, die bis in sein Herz blickten.
Es war gar nicht so lange her, dass er sie zum ersten Mal gesehen hatte.
Das war, als er eines Nachts wie immer mit seinen Freunden um das Feuer saß. Die Herde war ungewöhnlich ruhig geworden. Die Tiere waren eingeschlafen.
Er erinnerte sich nicht mehr, warum sie gemeinsam aufbrachen und zu dem nahe gelegenen Schuppen gingen.
Und dann standen sie in diesem Verschlag. Vor ihnen stand ein Paar. Ein notdürftig versorgter Säugling lag in einem Trog. Nichts Fremdes für sie. So, oder ähnlich, waren die meisten von ihnen zur Welt gekommen.
Und doch war es anders. Der Raum, so kalt, so zugig er war, war von einer besonderen Wärme erfüllt. Als er sich umblickte, trat das Paar förmlich hinter seinem Kind zurück. Und von dem Kind, so wie es da lag, ging ein Strahlen aus. Es blickte sie an. Einen nach dem andern.
Dann traf sein Blick ihn. So etwas hatte er noch nie erlebt. Er fühlte sich durchdrungen. Bis auf den tiefsten Grund seines Herzens schienen diese Augen zu sehen. Unvermittelt, völlig überraschend, stiegen Wärme, Geborgenheit und Liebe in ihm auf. Solche Gefühle hatten in seinem Leben schon lange keine Rolle mehr gespielt. Er zuckte zusammen und hatte das Gefühl, in seinem Inneren würde sich etwas verschieben.
Auf einmal sah er sein eigenes Leben durch diese Augen. Sah seine bedrohte Existenz, draußen auf den Weiden. Die Gefahren durch wilde Tiere und Banditen. Die ungewisse Zukunft in größter Armut, von fremder Hilfe abhängig.
Und er sah noch etwas anderes, an das er nicht mehr gedacht hatte. Das, was er in der Härte des Alltags oft nicht mehr wahrnahm. Die Kollegen, die zu Freunden geworden waren. Die Hilfe, die sie manchmal erhielten. Gute Entwicklungen, die sich auf den Wanderungen fügten, wenn sie mit der Herde weiterzogen.
Es fühlte sich für ihn an, als wäre viel mehr in seinem Leben. Etwas, das nicht zu dieser brutalen Welt gehörte. Etwas, das ihn aufrecht hält und trägt.
„Bilde Dir mal keine Schwachheiten ein,“ murmelte er vor sich hin und blickte von dem Kind weg zu seinen Freunden.
Die sahen anders aus, als er sie kannte. Ihre sonst so verhärteten Gesichter mit den erstorbenen Augen waren entspannt, wie er sie nicht kannte. Sie lächelten fast. Ein Strahlen lag über der Szene.
Er schüttelte sich. „Blödsinn,“ dachte er damals.
Jetzt lag das schon einige Zeit zurück. Ihr Alltag war unverändert weitergegangen. Er hatte länger an diese Nacht gedacht. Das Paar und das Kind vor sich gesehen. Und sich an den Erinnerungen gewärmt. Doch irgendwann hatte das aufgehört.
Er seufzte tief und blickte auf zu den Sternen. Es wurde kühler werden. Bald würde die strenge Winterkälte einsetzen.
„He,“ hörte er eine Stimme sagen. „Wieder die Träume?“ „Ja,“ sagte er. Atmete tief durch und schüttelte sich. „Die Träume.“
„Das geht uns allen so,“ sagte sein Freund. „Besonders seid wir beim Kind waren.“
Er legte etwas Holz auf die Glut. Langsam loderte das Feuer wärmend auf. Nach und nach wurden die anderen wach. Schälten sich aus ihren Decken. Streckten die Finger Wärme suchend zu den Flammen.
„Die Nacht bei dem Kind,“ dieses Stichwort hatte sie alle getroffen. Sie erzählten sich ihre Erinnerungen daran. Was sie in dieser Nacht erlebt und gefühlt hatten. Dass jeder sein eigenes Leben wie mit anderen Augen wahrgenommen hatte.
„Leider wird die Zukunft nicht so sein,“ klagte dann einer. „Wenn wir alt sind und nicht mehr mit der Herde arbeiten können, hilft uns keiner. Dann können wir uns nur bettelnd von Tag zu Tag retten.“
„Das muss nicht so sein,“ sagte der Freund, der das Feuer wieder entzündet hatte. „Seit mir das Kind mein Leben mit seinen Augen gezeigt hat, denke ich, ich kann das Gute darin vermehren. Wenn einer von uns etwas nicht mehr kann, dann nehmen wir es ihm ab. Und er nimmt uns etwas von dem ab, was er kann. Und wenn wir alt sind sehen wir, wie wir uns gegenseitig helfen können. Vielleicht finden wir schon jetzt ein Dorf, in dem wir später bleiben können. Und dann ….“
Auf einmal fingen alle an, zu überlegen, was sie tun können. Sicher waren die Aussichten nicht gut. Jedoch könnten sie verbessert werden.
So saß er da. Mit seinen Freunden um das Feuer. Überlegte und redete mit. So wie alle: Sie redeten miteinander und durcheinander. Und wenn er seine Freunde ansah, da kam es ihm vor, als würden ihn aus ihren Augen die Augen des Kindes aus dem Verschlag anblicken.
