Familie am Ende?

Vor einiger Zeit sah ich eine Szene, die ich bis heute nicht vergessen habe:
Es war Nacht. Nur ein einziges Haus war erleuchtet. Vor der Tür stand ein Auto mit offenem Kofferraum. Ein Mann kam heraus, trug einen schweren Sack und sagte in den Wagen hinein:

„Luigi, man stellt sich nicht gegen die Familie.“

Diese Szene war eine Werbung und spielte auf die berühmten „Pate“-Filme an. Dort regieren strenge Regeln: Absolute Treue gegenüber dem Don, Schweigen nach außen, Respekt vor der Rangordnung und das Prinzip der Gegenseitigkeit – wer etwas bekommt, muss auch etwas zurückgeben. Und immer gilt: Die eigene Familie muss geschützt und geehrt werden. Man hält zusammen aus Loyalität sowie zur eigenen Absicherung. Die Mafia-Familie bot Schutz solange man loyal war. – Und: ein Verstoß gegen die Regeln wurde hart bestraft. Bis hin zum Tod.

  • Ist unser Familienbild zeitgemäß?

Vielleicht berührt uns dieses Bild, weil darin Werte auftauchen, die wir auch mit Familie verbinden: Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung, Respekt. Eine Stimme in uns sagt:

„So sollte es sein.“

Im Laufe der Zeit sich das Verständnis von Familie verändert. Heute gibt es viele Formen des Zusammenlebens: klassische Familien mit Vater, Mutter, Kind, eingetragenen Lebensgemeinschaften, Patchwork-Familien, Ein-Eltern-Familien, Freundschaft-Plus, Polyamorie … Alles ist in Bewegung. Unsere Welt bricht um. Was uns zusammenhält, sucht immer wieder neue Formen.

  • Zugehörig – ein Grundbedürfnis

Eines bleibt: das tiefe menschliche Bedürfnis, dazuzugehören, zu etwas zu gehören. Wir wollen Teil von etwas sein – ob Familie, Freundeskreis oder Verein. Früher waren die Formen von Zugehörigkeit stärker vorgegeben. Was „Familie“ ist und wie sie gelebt wird war vorgegeben. Heute entsteht sie durch freie Wahl: Ich entscheide, mit wem ich mein Leben teile, wem ich vertraue, wofür ich Verantwortung übernehme.

All diese Gedanken kamen mir auch aufgrund einer Bibelstelle, die mich lange irritiert hat:

  • Ein biblischer Impuls

Im Markusevangelium (Kapitel 3, Verse 31–35) wird erzählt, wie Jesu Mutter und Brüder ihn sehen wollen. Doch Jesus sagt:

„Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? … Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“

Das klingt zuerst so, als würde Jesus die Familie abwerten. Doch er öffnet den Blick auf eine Zugehörigkeit, die alles andere trägt: die Zugehörigkeit zu Gott. Wahre Zugehörigkeit zu Gott und Jesus entsteht nicht durch Blutsverwandtschaft, Herkunft oder äußere Pflicht. Sie wächst durch das Tun – durch gelebte Liebe zu Gott, zum Mitmenschen, zu sich selbst.

  • Liebe als bindende Kraft

Die Kraft dieser Liebe bindet stärker als jede Regel. Sie schenkt Sinn, sie trägt durch Umbrüche und Unsicherheiten. Und sie ist offen für alle Menschen – egal, woher sie kommen, welche Religion sie haben, welche Lebensform sie wählen.

Zugehörigkeit zu Gott heißt nicht, einen Katalog von Vorschriften abzuarbeiten. Es heißt, aus dieser Liebe zu handeln: mit Respekt, Offenheit und der Bereitschaft aus einer Haltung der Liebe zu leben. Wer so lebt, erfährt Nähe zu Gott – auch wenn er ihn zwischendurch aus dem Blick verliert. Denn die Tür zur Zugehörigkeit steht damit immer offen.

„Luigi, man stellt sich nicht gegen die Familie.“

„Man stellt sich nicht gegen die Familie.“ Macht Jesus das in dem genannten Text? Nein, er geht über sie hinaus. Er richtet den Blick auf Grundlegendes. Auch für Familien. Wir leben aus Gott. Aus der Zugehörigkeit, die im Leben der Liebe wahrgenommen wird. Eine Zugehörigkeit, die in der gelebten und erfahrenen Liebe einen Teil der Liebe Gottes erkennt.

So können unsere Familien Orte werden, an denen wir uns als Teil unserer Familien und als Teil der Familie Gottes erfahren. Ein Ort von Zusammenhalt, gegenseitiger Unterstützung und Respekt. Ein Ort der Liebe.

Das Tun des Willen Gottes löst uns nicht aus unseren Familien. Es stellt uns in eine grundlegende Zugehörigkeit, die uns in unserem Leben trägt. Und darüber hinaus.

Der Bibeltext

31 Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie blieben draußen stehen

und schickten jemand, der ihn rufen sollte.

32 Aber die Volksmenge saß um Jesus. Sie sagten zu ihm: »Sieh doch, deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern stehen draußen. Sie suchen nach dir.«

33 Aber Jesus antwortete: »Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder?«

34 Er blickte die Leute an, die rings um ihn saßen, und sagte: »Das sind meine Mutter und meine Brüder!

35 Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.«


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert