• Unsere Welt verändert sich

Mein Gesprächspartner ging mächtig in die Vollen: „Wie hat sich diese Welt nur verändert? Ich weiß nicht, woran man sich orientieren kann. Was kann man tun?“

Wir hatten zuvor über alles Mögliche gesprochen. Dabei die Entwicklungen in der Politik, in Deutschland und der Welt, die Kriege, das Klima und so weiter gesprochen. Und darüber, dass die Zahl der Menschen zunimmt, die sich nicht an Regeln halten. Menschen, die die Regeln und Gesetze ignorieren. Denen das Recht des Stärkeren reicht, weil sie sich für die Stärkeren halten.

So hatte mein Gesprächspartner das Gespräch zusammengefasst. Was kann man sonst sagen im Anblick der Entwicklungen?

  • Das Höchste Gebot als Maßstab für Regeln

Für mich war immer das „Höchste Gebot“ ein Orientierungspunkt für Leben und Glauben. Dieses wunderbare Dreieck. Gott, den Nächsten und sich selbst lieben. Von Jesus erläutert mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Und am Ende der Satz: „So geh hin und handle genauso (Lukasevangelium Kapitel 10).“ Er wurde zum Impuls durch die Jahrtausende hindurch.

Schon im Kindergottesdienst hatte mich diese Geschichte tief berührt. Und seitdem begleitet. Immer wieder hatte ich sie in Kopf und Herz. Immer wieder hatte ich meine Überlegungen und Entscheidungen an ihr gemessen. Und auch, immer wieder, bin ich meinem Anspruch, den ich ihr folgend an mich gerichtet hatte, nicht gerecht geworden.

Es sagt sich schnell, es kann doch nicht so schwer sein Gott, den Nächsten und sich selbst im Blick zu haben. Doch wie schnell hat im Alltag einer der drei ein Übergewicht bekommen.

  • Das Höchste Gebot eine Utopie

Das Höchste Gebot, der barmherzige Samariter, so schien es mir deshalb, ist eine Utopie, ein fernes Ziel. Daran kann man sich orientieren, seine Werte, sein Handeln, sein Denken ausrichten und überprüfen. Aber diesen Anspruch erfüllen? Diesem Gebot, dieser Regel gerecht werden? Und was, wenn andere alle Regeln ignorieren?

  • Unsere Welt ist im Umbruch

In den letzten Jahren, trafen unseren Alltag die Erschütterungen, die unser Leben grundlegend verändern. Corona – Pandemie, Ukraine – Krieg und Klima – Katastrophe. Alles ist nicht vorbei. Alles hat Folgen, die unser Leben treffen, verändern und verändern werden.

Woran soll man sich da orientieren? Was kann man tun?

Die Entwicklungen treffen wie eine Flut auf uns. Rollen über uns hinweg. Machen hilflos, orientierungslos. Verunsichern uns zutiefst. Kein Wunder, dass der Wunsch nach einfachen Lösungen für alle Herausforderungen entsteht. Ist doch Vieles allzu komplex und undurchschaubar. Wie bei dem sprichwörtlichen gordischen Knoten, der nur mit einem einfachen Schwert zu durchschlagen war.

Doch man spürt, so einfach ist es nicht. Einfache Lösungen machen die Herausforderungen nur noch schlimmer.

  • Ein biblischer Impuls

Jetzt traf ich wieder auf das Höchste Gebot. Es ist vorgeschlagener Predigttext für den 24. August 2025.

Doch der vorgeschlagene Text ist nicht der aus dem Lukasevangelium, sondern steht im Markusevangelium (Kapitel 12, 28-34):

28 Ein Schriftgelehrter … …merkte, wie treffend Jesus … … geantwortet hatte, (und) fragte … … ihn: »Welches Gebot ist das wichtigste von allen?«

29 Jesus antwortete: »Das wichtigste Gebot ist dieses: Höre, Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein!

30 Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.

31 Und als Zweites kommt dieses dazu: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.«

32 Da antwortete der Schriftgelehrte: »Ja, Lehrer, du sagst die Wahrheit: Einer ist Gott, und es gibt keinen anderen Gott außer ihm.

33 Ihn zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzem Verstand und mit ganzer Kraft – und seinen Mitmenschen zu lieben wie sich selbst, das ist viel wichtiger als alle Brandopfer und anderen Opfer.«

34 Als Jesus merkte, mit wie viel Einsicht der Schriftgelehrte geantwortet hatte, sagte er zu ihm: »Du bist nicht weit weg vom Reich Gottes.«“

Auf den ersten Blick scheint der Text wie die aus dem Kindergottesdienst bekannte Geschichte vom Höchsten Gebot zu sein. Sieht man genauer hin ist der Sound ein anderer.

Im Lukasevangelium war die Frage „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben erlange?“ Mit anderen Worten, es klingt wie: Welche Leistung bringt mich „in den Himmel“?

  • Das Wichtigste: Haltung und Liebe

Im Markusevangelium dagegen lautet die Frage „Welches Gebot ist das wichtigste von allen?“ Mit anderen Worten: Was ist Gott wichtig? Wo schlägt sein Herz?

Das ist nicht eine Frage nach dem eigenen Vorteil, nach der eigenen Absicherung. Es ist die Frage nach Gott, nach dem, was ihm wichtig ist. Was steht für ihn vor allem anderen?

Und so kommt die Antwort Jesu von Gott her. Aus seinem Innersten heraus. Jesus antwortet mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis. Und daran schließt er das Gebot Gott, den Nächsten und sich selbst zu lieben an. Für ihn ist das eine Einheit. Jesus und der Schriftgelehrte sind sich darin einig.

Und dann sagt Jesus etwas Einzigartiges: „Du bist nicht weit vom Reich Gottes.“

Mich führt das Markusevangelium damit weg vom Höchsten Gebot des Kindergottesdienstes. Weg von dem Höchsten Gebot als Maßstab für Regeln und Verhalten.

Natürlich behält das Höchste Gebot seine Bedeutung. Natürlich bleibt der barmherzige Samariter Vorbild.

Doch, wenn Jesus das Höchste Gebot mit dem Bekenntnis zu dem einzigen Gott verbindet, geht es nicht um Regeln und Verhaltens-Leistungen.

Es geht um Haltung. Um eine Haltung, die dem Gott, der die Liebe ist, entspricht. Es geht um eine Haltung, die sich aus der Kraft der Liebe speist. Es geht um eine Haltung, die die Liebe sucht.

Es geht also um die Haltung der Liebe zu Gott, der Liebe zum Nächsten und der Liebe sich selbst gegenüber.

„Ich weiß gar nicht, woran man sich orientieren soll. Was kann man tun?“ zitierte ich meinen Gesprächspartner am Anfang.

Was kann man tun in dieser Zeit, in dieser Welt?

Haltung. Es geht um Haltung. Haltung bewahren. Haltung zeigen. Die Haltung der Liebe zu Gott, dem Nächsten und sich selbst gegenüber. Nicht Regeln formulieren, aktualisieren und sie immer wieder der Welt anpassen.

Sondern: Es geht um Haltung. Haltung bewahren und Haltung zeigen. Aus dieser Haltung der Liebe zu leben.

Und weil Gott die Liebe ist, die Augen offenhalten. Auch bei Gegenwind. Auch in dunklen Zeiten. Nach Gott Ausschau halten. Nach dem Gott, der selbst durch einen Riss das Licht seiner Liebe in die dunkelsten Ecken schickt.

Gott, der die Liebe ist, ist in all den dunklen Bilder unserer Zeit, unseres Lebens zu sehen. Überall dort, wo das Licht der Liebe ist. Und wenn es allzu oft nur die kleinen Lichter der Liebe sind. Das ist ein Grund die Haltung nicht zu verlieren (und dann werden wir für andere zum Licht).


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert